Handeln aus dem Geist der Nächstenliebe

Bei der außerordentlichen Sitzung des Reichstags zu Berlin bezeichnet der deutsche Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) den Krieg als »Akt der Notwendigkeit«. Seine Rede beendet er mit den Worten: »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche«.

Das war heute vor 104 Jahren und der 1. Weltkrieg mit Millionen von Toten wurde damit vorbereitet.

Als ich das las, fragte ich mich, ob ich nach dieser Einschätzung denn überhaupt noch Deutscher bin; denn ich hatte eine polnische Urgroßmutter, die – wie mir berichtet wurde – kaum Deutsch gesprochen hat; aber eine herzensgute Frau war.

Und dann fragte ich mich, ob Nationalität, Rasse, Herkunft – ob das überhaupt ein Kriterium für Liebe, Freundschaft, vielleicht auch für Heimatgefühl ist.

Ich glaube das eher nicht.

Im Markusevangelium habe ich dann nachgelesen:

„Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben vor dem Haus stehen und ließen ihn herausrufen.

32 Es saßen viele Leute um ihn herum und man sagte zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir.

33 Er erwiderte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?

34 Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder.

35 Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mk 3, 31-35)

Im Verständnis dieses Jesus aus Nazareth, an den ich ja als den Jesus Christus glaube, hatten  Volksmerkmale eher eine geringe Bedeutung.

Er fragte nicht: ob das Familienmitglieder, Angehörige eines bestimmten Volkes sind.

Ihn interessierte letztlich nur die Haltung, die Einstellung der Menschen um ihn herum.

Nicht Blut, sondern Geist waren für ihn entscheidend.

Und deshalb hätte der Kaiser, der ja auch offiziell Christ war, eher sagen müssen:

„Ab heute interessiert mich nur noch, ob einer die Liebe und Nächstenliebe unseres Herrn Jesu Christi lebt“. Das hat er aber nicht gesagt. Schade.

Da wäre uns allen viel erspart geblieben – beispielsweise der Tod vieler Menschen.

Nationales Denken bringt Tod, Internationales Denken bringt Leben.

So, kurz, könnte man das ausdrücken.

 

Pfarrer Thomas Bohne, Liebfrauenkirche in Leipzig-Lindenau

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