Heimweh nach Heimat

Deutschland hat ein ergänztes Ministerium bekommen: Der Innenminister ist jetzt auch für Heimat zuständig. Der Spott in sozialen Netzwerken folgte prompt. Von heiler Welt, Kitsch und Heimatfilmen war die Rede, vom „Kniefall vor Rechtspopulisten“. Doch Heimatgefühl ist keine Frage von Partei- oder Religionszugehörigkeit. Untersuchungen haben ergeben: Ob liberal, konservativ oder links – mehr als drei Viertel aller Deutschen fühlen sich mit ihrer Heimat verbunden. Niemand kann den Menschen Bilder aus Kopf und Herz löschen, mit denen ihnen die Welt von Kind an begegnet.

Es ist wichtig zu wissen, wo man hingehört. „Man kann an vielen Orten der Welt zu Hause sein, aber man hat nur eine Heimat“ schrieb kürzlich Schauspieler Mario Adorf. Heimat – ein Ort, der einen Ruhepunkt bietet zum Verschnaufen, wenn einem alles zu viel wird. Ist also Heimat die Stadt, in der ich aufgewachsen bin? Omas Pflaumenkuchen im Schrebergarten oder das Bier in der Stammkneipe? Die Arbeitsstelle? Bewährte Freundschaften? Familie? Der Dialekt? Vertrautes und Liebgewonnenes – was auch immer man darunter versteht. Ob nun das „Rennsteiglied“ und „Sing mei Sachse sing“ im Osten (wo es sogar ein Unterrichtsfach „Heimatkunde“ gab) oder „Patrona Bavaria“ bzw. „Heidi“ im Westen – all diese Lieder haben Heimatgefühl vermittelt.

Menschen aus anderen Kulturen kommen in unser Land. Ihre Sprache und Hautfarbe spielen für die meisten Deutschen keine Rolle. Erwartet wird aber Respekt vor dem Vorgefundenen, vor der Arbeit der Alteingesessenen, ihren Empfindungen und Gewohnheiten. Irgendwann werden zumindest die Kinder der neuen Mitbewohner ja Deutschland als ihre Heimat bezeichnen. Vielleicht denken künftige Generationen über Heimat viel großräumiger, benennen damit einen Ort, wo Verbindungen erhalten bleiben und seien sie virtuell im Netz.

Kürzlich bemerkte ein Glaubensbruder: „Bei Gott ist meine Heimat“. Für mich eine völlig neue Interpretation. Ist Zuhause womöglich mehr, nämlich das Verlangen nach heimatlicher Geborgenheit bei Gott? Dann könnte die derzeitige Heimatdiskussion ein Hinweis darauf sein, dass Christen nicht unbedingt einen festen Ort brauchen, sondern da zu Hause sind, wo sie sich von Gott geliebt wissen. Und das ist überall.

Wolfgang Erler, Prädikant der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens

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