Hinterm Horizont

… geht’s weiter. Diese Liedzeile fiel mir nicht wegen des gerade in die Kinos gekommenen Udo Lindenberg-Films ein, sondern weil es in den evangelischen Kirchen am Sonntag Thema ist: Unsere engen Horizonte und Gottes unerwartetes Wirken. Aber nicht nur das. Ich nehme die Reduktion auf ein Entweder-oder in öffentlichen Debatten und Berichten zunehmend als Engführung wahr. Sicher kann einmal der Entscheidungsdruck sehr groß sein, und es gibt Situationen, in denen ein klarer Standpunkt nötig ist. Aber in aller Regel muss doch Zeit und Offenheit für Fragen, Meinungen und weitere Möglichkeiten bleiben.

Situationen, in denen es auf den ersten Blick scheinbar nur zwei Alternativen gibt, kenne ich aus meinem Berufsalltag nur zu gut. Die Beklemmung verändert sich erst im Erzählen, Erinnern, Fragen und Aussprechen. Selten ist alles logisch, und das muss es auch nicht sein, und sehr oft sind wir im Gespräch bei einem Sowohl-als-auch. Nur so weicht der Druck und wird die Sicht wieder weit.

Der offene Horizont ist ein Symbol für eine spirituelle Dimension. Ich lasse mich auf etwas ein, bin unterwegs, weiß nicht schon alles, sondern bin auf Vertrauenssuche. Udo Lindenbergs Lied handelt von Liebe, Trauer und vom Weiterleben. In persönlichen Gesprächen sind wir eher bereit zu hören, was mein Gegenüber mir mitteilen will. Die immer stärkeren Grenzziehungen in öffentlichen Debatten, und sei es durch die Entweder-oder-Verengung, bewirken das Gegenteil von dem, was wir uns eigentlich wünschen.

Pfarrer Michael Böhme, Klinikseelsorger am Universitätsklinikum Leipzig

Foto: Michael Böhme