Hörst du mich?

Am Beginn von Rockkonzerten rufen manche Bands dem Publikum zu: „Can you hear me?“ Eigentlich ist das eine unsinnige Frage angesichts leistungsstarker Lautsprechertürme. Aber eine Kommunikation kommt trotzdem zustande. Jenseits von Bühnentechnik spielt die Frage, ob mich jemand hört, eine viel wichtigere Rolle. Wir Menschen wollen gehört und verstanden werden. Besonders in schwierigen Zeiten, wenn zu vieles gleichzeitig passiert, brauche ich jemanden, der zuhört. Dafür muss aber auch Zeit sein. Wenn alle schon wieder weitermachen wie sonst auch, kommt das Zuhören zu kurz.

Der Sonntag zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingstfest markiert eine interessante Situation. Die Jüngerinnen und Jünger leben zwischen Abschied und neuer Vergewisserung. Was bisher getragen hat, die sichtbare Nähe Jesu, hat sich verändert. Und der zugesagte Beistand des Heiligen Geistes ist noch wie ein Versprechen für die Zukunft. Die Zeit jetzt ist eine Zeit dazwischen.

Ich erlebe solche Situationen oft in meiner Arbeit. Eine Krankheit muss behandelt werden, eine Operation steht bevor. So, wie bisher, kann es nicht bleiben. Vielleicht wird es auch danach nicht mehr so sein können wie vorher. Aber wie wird es sein? Die neue Situation ist in diesem Moment eben noch nicht sicher. Es bleibt eine Spannung zurück zwischen Vertrauen, Hoffnung und eben auch Sorge.
Ähnliche Beispiele gibt es viele, von Veränderungen im Privaten bis zu politischen Fragen um soziale Gerechtigkeit und Bewahrung unseres Planeten. Das Vertraute ist brüchig geworden – und da steht die Frage nach Schuld nicht an erster Stelle. Was neu werden muss, steckt noch in der Entwicklung. Wie wird eine gemeinsame Zukunft aussehen? Was kann oder sollte ich jetzt tun? In diesem Moment wäre Innehalten und Zuhören und Gespräch die beste Art, Orientierung zu finden.

Eine Voraussetzung gibt es allerdings: Der Wunsch, gehört zu werden, und selber hörbereit zu sein, bilden einen Zusammenhang. Das eine geht nicht ohne das andere. Im religiösen Sinne ist das die Grundhaltung des Gebetes: Herr, höre mich, wenn ich rufe. Für uns Menschen und unser Miteinander ist es in jedem Fall heilsam, diese wechselseitige Hörbereitschaft immer wieder zu üben.

Pfarrer Michael Böhme, Klinikseelsorger im Universitätsklinikum Leipzig

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