Hohe Ansprüche
Michael Brugger über Weihnachten
Mein erstes Jahr als Autor dieser Kolumne geht zu Ende und ich darf den Gedanken zu Weihnachten aufschreiben. Puh – was für eine Ehre! Da muss mir etwas ganz Besonderes einfallen. Weihnachten ist Weihnachten – außergewöhnlicher Anlass, außergewöhnliche Gedanken. So kreisen meine Überlegungen und mit jeder Drehung verfliegt eine weitere gute Idee.
Kennen Sie das auch? Hohe Ansprüche lassen ihren Gegenstand leicht schrumpfen. Beim ausgeklügelten Weihnachtsmenü schmeckt man nur das überwürzte Gemüse. Durch die geschmückte Feierlichkeit blitzen die alltäglichen Verletzungen. Einmal im Jahr, kurz vor Schluss, wollen wir es noch mal so richtig schön, fröhlich, ruhig, harmonisch, leuchtend. Das bis zum Bersten aufgeladene Weihnachtsfest ächzt unter seinem Gewicht.
Dabei war das erste Weihnachten gar nicht glamourös. Eine Frau bekommt ein Kind, in einem dunklen Stall, Stroh, ein Futtertrog. Näher bei den Tieren, als bei den Menschen. Nur ihr Mann ist dabei. Wir Christinnen und Christen glauben: In diesem Kind wird Gott Mensch. Gott wird Mensch in einem Stall, nicht in einem Palast. Der Große und Allmächtige wird klein und bedürftig. Und er sagt uns damit: So wie du bist, Mensch, bist du groß. Du bist gewollt. Sei gelassen und großzügig mit dir selbst und mit anderen – ich bin es auch.
Schon etwas Besonderes, dieses Weihnachten, finde ich.
Michael Brugger, Krankenhausseelsorger Klinikum Sankt Georg Leipzig
Foto: Lotz (gemeindebrief.evangelisch.de)




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