Ich sehe was

Er stand mit verschränkten Armen bei der Trauerfeier. Sehr weit hinten. Wirkte distanziert. ‘War wohl nicht sein Lieblingskollege, der da gestorben ist. Aber das so demonstrativ zu zeigen? Soll ich nachfragen? Aber ist ja offensichtlich!’

So oder so ähnliche Gedanken können kommen, wenn wir andere Leute beobachten. Wir sehen ihr Äußeres, nehmen ihr Verhalten wahr und ordnen ein. Das ist normal. Macht ja auch Spaß – mir jedenfalls. ‘Schau mal, diese knallroten Fingernägel. Und das in ihrem Alter.’ ‘Oh, wie der tanzt. Sieht ein bisschen ulkig aus, aber er scheint Riesenspaß zu haben.’ Wie schön. Wir Menschen sind so herrlich verschieden.

Und immer wieder wird mir bewusst: Ich seh’ trotzdem nur das, was vor Augen ist. In der Bibel heißt es dazu: “Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an.” Mich macht dieser Satz nachdenklich. Wie schnell kann ich hineinrutschen und jemanden bewerten nach seinem Aussehen, seinen Verhaltensweisen? Und wie wenig weiß ich doch, wie es gerade in seinem Leben aussieht.

Der Mann bei der Trauerfeier war, als er nach dem Urlaub auf Arbeit kam, von dem Hinweis überrascht worden, dass sein Kollege gestorben und gleich die betriebsinterne Trauerfeier sei. Er trug an diesem Tag ein T-Shirt mit einem wirklich witzigen Spruch – der aber eben fürchterlich unpassend war. Und so musste er diesen Spruch verstecken, hinter verschränkten Armen. Wir sehen eben nur, was vor Augen ist.

von Grit Markert, Pfarrerin im evangelisch-lutherischen Alesius-Kirchspiel im Leipziger Osten und Coach

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