Innehalten

Monika Lesch über die menschliche Freiheit

Schon wieder suche ich mein Handy. Die Zeit bis zum Aufbruch ist knapp und der Zug wird nicht warten. Schon wieder muss ich mein Kind ermahnen und bin kurz vorm Schimpfen. Schon wieder ärgere ich mich über den Falschparker vor der Einfahrt und bin geneigt, das Ordnungsamt zu rufen. Jetzt hilft nur: tief durchatmen, innerlich einen Schritt zurücktreten und dann erst reagieren. Plötzlich findet sich das Handy ganz unten in der Tasche, ich kann meinem Kind ruhig auf Augenhöhe begegnen und der Falschparker ist wieder losgefahren.

Der Autor Stephen R. Covey, seinerseits inspiriert von dem Psychiater Viktor Frankl, bezeichnet diesen Moment des Innehaltens mit dem Ausdruck „space between“: Zwischen den Reizen, die auf mich einströmen und der Reaktion, die sie in mir hervorrufen, gibt es einen Raum, besagtem „space between“. Hier liegt meine Macht: ich habe die Wahl, wie ich reagiere. Indem ich innehalte, kann ich die Entwicklung der Ereignisse mitbestimmen.

Zugegeben, nicht immer reagiere ich ruhig und besonnen. Und doch wünsche ich mir und allen, die in dieser Welt Entscheidungen im Namen anderer treffen, dass uns genau dieser Raum bewusst ist: Damit wir uns nicht zu vorschnellen Reaktionen hinreißen lassen, sondern überlegt auf die Herausforderungen unserer Zeit reagieren können.

Monika Lesch, katholische Gemeindereferentin

Kontakt: kolumne@kirche-leipzig.de