Ja, sie lebt noch!

– über die Hoffnung –

“Ja, er lebt noch!” sangen die Randfichten. Ich musste in der vergangenen Woche daran denken, als ich froh feststellte, dass die Igelin in unserem Garten aufgewacht war. Meine Familie fieberte ihr bereits entgegen. Mitte März bis Mitte April sei Aufwachzeit, so informiert die Suchmaschine. Aber zum Winterbeginn war sie nur eine sehr kleine, schmale Dame. Wir stellten uns schon auf das Schlimmste ein. Doch nun stromert sie wieder umher: Klein, tapsig, aber taff und quicklebendig. Ja, sie lebt noch!

Derzeit scheinen wenige Ereignisse ähnlich erfreulich. Israel feierte seinen Unabhängigkeitstag, eingetrübt von all den Verheerungen, die derzeit in der Region geschehen. Drohnen fliegen über ukrainische Städte, wohl auch dann, wenn am Sonntag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gedacht wird. Und Deutschland fieberte mit Timmy alias “Hope”, während im Golf von Mexiko die letzten Exemplare des Rice-Wals für Öl geopfert werden. Wie es dabei wohl der Hoffnung geht? Lebt sie noch?

Nur gut, denke ich, dass Frau Igel in unserem Garten erwacht ist. Vielleicht ist die Hoffnung ein bisschen wie sie. Man könnte niemandem verübeln, sie schon abgeschrieben zu haben. Doch sie reizt die Zeit nur aus. Wer geduldig warten kann, wird sie entdecken. Klein und tapsig. Aber sie ist taff und quicklebendig. Sie stromert herum. Vielleicht seit Ostern. Oder immer schon. Und: Sie wacht immer wieder auf.

Sebastian Schirmer ist Evangelischer Pfarrer im Leipziger Südosten

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