Janus

– über gestern und morgen –

Kennen Sie den doppelgesichtigen Gott Janus, dessen Blicke sich gleichzeitig in Vergangenheit und Zukunft richten? Er war der römische Gott der Anfänge, Enden, Türen und Übergänge. Ich musste an ihn denken, da an diesem Wochenende der 9. November ansteht – ein Tag mit zwei Gesichtern, voller Gegensätze und Geschichte, in der Hoffnung und Schmerz eng beieinander liegen: 1848 starb Robert Blum für die Freiheit; 1918 wurde die erste Republik ausgerufen; 1923 scheiterte Hitlers Putsch; 1938 brach die Pogromnacht vor allem über die Juden im Deutschen Reich herein; 1939 misslang der Anschlag Elsers auf Hitler; 1967 regten sich junge Stimmen gegen das Vergessen; und 1989 fiel die Mauer.

Diese Geschichten machen den 9. November zu einem der wohl schwersten und bedeutendsten Tage deutscher Geschichte. Ein janusgesichtiger Tag, vielleicht der „deutscheste aller Tage des Jahres“, wie ihn das Domradio aus Köln einmal bezeichnete.

Er fordert mich heraus, Widersprüche und Spannung zwischen gestern und morgen auszuhalten – und daraus Schritte zu formen, die tragen und verbinden; Schritte zu gehen, die mutig sind und Freiheit und Versöhnung möglich machen. Dabei hilft es mir, einen Gott an meiner Seite zu glauben, der nicht gleichgültig in Vergangenheit und Zukunft blickt, sondern für jedes Morgen Neuanfänge sieht, weil er mit mir gemeinsam nach vorn schaut.

Ich ahne: der 9. November ist mehr als ein Datum – er ist ein Brennglas, mit dem aus dem Schein des Vergangenen das Licht für morgen geschöpft werden kann.

Sebastian Schirmer ist Evangelischer Pfarrer im Leipziger Südosten

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Foto: Pixabay