Jizkor – „Erinnere Dich!“

Sie sitzen vielleicht gemütlich am Frühstückstisch und lesen die Zeitung. Jugendliche aus dem Leipziger Südwesten sind heute früh aufgestanden – auch wenn keine Schule ist – und treffen sich im Gemeindehaus in Kleinzschocher.

Am 9. November vor 80 Jahren brannten in Leipzig und überall in Deutschland die Synagogen, jüdische Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe wurden zerstört und geplündert, viele Menschen verhaftet, gefoltert und ermordet.

Die Jugendlichen wollen sich erinnern, damit nicht vergessen wird, was war.
Die Jugendlichen wollen von Menschen hören, die einmal im Leipziger Südwesten gelebt und gearbeitet haben, damit sie nicht vergessen werden.

Kennen Sie das Kaufhaus Held? Und das Kaufhaus Ury?
Wer war Edi Broder? Und wer war Gaby Gottschalk?
Was wurde aus der Firma Emmo Löbl? Und was aus der Arztpraxis von Josef Frankenstein?

Einen ganzen Tag lang werden die Jugendlichen mit dem Projektteam EnterHistory Kopien aus Dokumenten und Akten lesen, im Internet nach Informationen suchen, in Büchern nach Hinweisen schauen – um dann Erinnerungen an diesen Menschen und Firmen aufzuschreiben.

Jüdinnen und Juden auch in Leipzig waren vor 80 Jahren in Lebensangst, unter Schock, in Panik und verzweifelt. Sie wurden verhaftet, misshandelt und ermordet, Familien auseinandergerissen. Mit diesem Tag begann die Diskriminierung, Verschleppung in Konzentrationslager und organisierte Vernichtung. Dies geschah nicht nur durch die nationalsozialistischen Machthaber, sondern auch durch Nachbarn.

Die Jugendlichen heute können diese Gräueltaten meist nur in Geschichtsbüchern nachlesen. Nur noch wenige Zeitzeugen können berichten. Heute begegnen sie Menschen, die sie kennenlernen, obwohl sie sich nie begegnet sind.

Seitdem fehlt ein Teil der Menschen, die in dieser Stadt gelebt und gearbeitet haben. Eine Lücke ist entstanden, die nicht gefüllt werden kann. Es bleibt einzig die Erinnerung!

Heute wird im jüdischen Gottesdienst für die Opfer des Nationalsozialismus gebetet. Dort heißt es: G’tt voller Erbarmen, …, es sollen finden die verdiente Ruhestätte unter den Flügeln Deiner Gegenwart, …, all die Seelen der Sechs-Millionen Juden, Opfer der Shoah in Europa, ermordet, geschlachtet, verbrannt, umgekommen in Heiligung Deines Namens; durch die Hände der deutschen Mörder und ihrer Helfer aus den weiteren Völkern. … und schließe ihre Seelen mit ein in das Band des ewigen Lebens.

Auch wir wollen beten und mit den Jugendlichen an jüdische Menschen aus unserer Stadt erinnern. Kommen Sie am Montag – 12.11. – zum Friedensgebet in die Nikolaikirche um 17 Uhr.

Pfarrerin Angela Langner-Stephan,
Ev.-Luth. Kirchgemeinde Lindenau-Plagwitz, Bethanienkirchgemeinde und Taborkirchgemeinde

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