Können wir vorspulen?

„Könn’n wir vorspul’n? Und so tun, als wär alles wieder gut? … Weißt du, wovon ich grad am liebsten träum‘? Dass du mich weckst und sagst: Es ist vorbei! Bye-bye.“

Damit kein falsches Bild entsteht: ich hör eigentlich nicht Sarah Connor, doch ihr Corona-Lied „Bye-bye“ trifft meinen derzeit ambivalenten Gemütszustand, der zwischen Sehnsucht und Bestürzung schwankt. Wie gerne würde ich vorspulen und überspringen, was gerade passiert. Da verabschieden sich Freund*innen aus ihren langjährigen Freundeskreisen, weil kein Konsens mehr zu Corona möglich scheint. Da werden kluge Menschen zynisch und meinen damit ernsthaft einen gesellschaftlichen Debattenbeitrag zu leisten. Konstruktive Emotionen wie Mitleid etwa mit denen, die um ihr Leben kämpfen, oder gar Dankbarkeit für die kleinen und großen Wunder im eigenen Leben, die es trotzdem gibt – auch jetzt, haben offenbar keinen Platz mehr.

In Musik, besonders an diesem Sonntag „Kantate“ (Singt!) halten wir eine Sehnsucht wach, die uns davor bewahren kann, mit dem begrenzten Blick auf das Hier und Jetzt zu verzweifeln und verächtlich zu werden. Eine Hoffnung, die über diese Welt hinausreicht, einen Traum, der sich nicht allein auf Nach-Corona bezieht: „Und dann feiern wir `ne fette Party. Laden alle unsre Freunde ein. Steh’n extra dicht beieinander und stoßen an aufs Zusammensein. Alt und jung und groß und klein. Keiner mehr zuhaus allein. Weißt du, wovon ich grad am liebsten träum‘? Dass du mich weckst und sagst: Es ist vorbei!“

Anna-Maria Busch, Pfarrerin in der Marienkirchgemeinde Leipzig-Stötteritz

 

Foto: Lehmann