Köpfchen muss man haben

Schon als Kind habe ich diesen Witz gehört: Ein kleiner Mann müht sich im Zug mit einem Griff in der Nähe des Fensters. Da steht ein muskulöser Mann auf, zieht an dem Griff und sagt: ‚Muskeln müsste man haben!‘ Kommt der Schaffner und verlangt wegen missbräuchlicher Betätigung der Notbremse eine erhebliche Summe Geld. Meint der Kleine: ‚Tja, nicht Muskeln, sondern Köpfchen müsste man haben.‘

Dieser Witz beschreibt mit einem Augenzwinkern eine menschliche Schwäche. Wir vertrauen anderen, ohne uns selbst eine Meinung zu bilden. Uns überzeugen politische oder populäre Ansichten, ohne dass wir sie auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft haben. Solches kopflose Tun hat schon kleine wie große Tragödien ausgelöst.

Im vorletzten Buch des Alten Testamentes steht der friedensethische Grundsatz:
„Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.“ (Sacharja 4, 6)

Wer diesen Worten traut, setzt den Geist ein, der uns mit Pfingsten versprochen ist. Der Prophet Sacharja ist sich sicher, dass dieser Geist vor den körperlichen Kräften gebraucht werden sollte.

Gottes Geist, so meint er, setzt neue Maßstäbe. So sind Truppeneinsätze gewiss nicht die einzige Antwort auf die Konflikte in dieser Welt. Stagnation in der Wirtschaft muss nicht gleich als Krise verstanden werden. Unstimmigkeiten überwinden wir nicht mit verbaler Gewalt und Corona gewiss nicht mit Politikerschelte.

Es gibt noch andere Wege, wenn wir größer denken. Wege, die wir bisher nicht zu denken gewagt haben, wenn wir dem Geist Gottes eine Chance geben.

Pfarrer Bernhard Stief, Kirchgemeinde St. Nikolai

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