Leben braucht Mütterlichkeit

Morgen ist Muttertag. Wieder ist ein Jahr vorbei und wir sollen Blumen für Mutti besorgen. Noch ist es nicht zu spät. Aber wer kam eigentlich auf diese Idee? Die christliche Frauenrechtlerin Anna Marie Jarvis. Am 2. Sonntag im Mai 1907 gedachte sie in ihrer methodistischen Gemeinde ihrer verstorbenen Mutter mit einem Muttergedenktag. 500 weiße Nelken hat sie vor der Kirche verteilen lassen. In der Folge kämpfte sie für einen offiziellen Muttertag. Später hat sie es bereut, denn schnell hat sich der Kommerz, der Blumenhandel, des Tages ermächtigt. Seit 1923 gibt es den Muttertag auch in Deutschland.

Man kann dazu stehen, wie man will. Doch ist Mütterlichkeit ein Grundbaustein unseres Lebens. Der Mensch ist ein extrem bedürftiger Nesthocker, eine biologische Frühgeburt. Er braucht viel Zuwendung, Pflege und Liebe. Ohne elterliche Sorge kann Mensch nicht leben. Mütter sind das Urbild dieser Liebe. Wohl denen, die das so erlebt haben und morgen dankbar an ihre Mutter denken und es ihr zeigen. Dazu muss man nicht zwingend den Kommerz fördern. Nicht nur Blumen, auch ein dankbares Lächeln kann sprechen.

Ein arabisches Sprichwort sagt: „Weil Gott nicht überall sein konnte, schuf er die Mütter.“ Gefällt mir, nur bleibe ich da als Mann außen vor. Können nicht auch Väter mütterlich sein, genauso wie die Frauen und Männer, die selbst keine Kinder haben? Der Männertag ist dafür wahrlich kein Ersatz. Sollte ich mich für das Recht der Männer am Muttertag stark machen? Nein, ich möchte, dass morgen wirklich die Mütter gemeint sind und nicht irgendwie alle. Aber an den anderen Tagen des Lebens gilt es das Mütterliche in uns zu leben, egal ob Mann oder Frau. Eine Psychologin beschreibt Mütterlichkeit als die Fähigkeit, mit dem Kind mitzuschwingen, auf intuitive Weise das Kind zu verstehen, egal, ob es gerade unwohl, wütend oder glücklich ist. Mitschwingen, mit dem Kind oder dem anderen Mensch überhaupt, das ist ein schönes Bild. Mitschwingen, verstehen und verstanden werden. Das tut gut. Das wäre wohl auch im Sinne von Anna Marie Jarvis: Wenn der Muttertag dazu dient, dass wir miteinander ins Schwingen kommen und dadurch Nestwärme erzeugen.

Friedbert Fröhlich, Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirche in Leipzig

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