Leben in Fülle?

Seit zwei Jahren lädt die Katholische Kirche im Erzbistum Köln im Oktober zu einem Monat der Dankbarkeit ein. Einen ganzen Monat lang danken? Das provoziert nach den Erfahrungen der vergangenen Zeit bei mir die Frage: wofür? Für Pandemie? Krieg? Die Ungewissheit, wohin das alles führen wird?

Natürlich gibt es Dinge, für die ich immer dankbar sein kann: meine Familie, Gesundheit, Arbeit, Freunde, die Tatsache, dass ich hier leben darf. Und trotzdem holt mich der nächste Einkauf sofort aus dieser Stimmung heraus und verursacht bei mir Sorgenfalten in Anbetracht von Preisentwicklung und Inflation.

„Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“, so lautet ein Vers aus dem Johannesevangelium, der mich in diesen Tagen nicht loslässt. Noch ein Kontrast zur aktuell erlebten Wirklichkeit. Aber: ich habe ein Leben. Ich erlebe jeden Tag Fülle. Und ich weiß: nichts davon ist selbstverständlich. Es ist mir geschenkt, ich kann es nicht selbst erzeugen. Und genau diese Nicht-Selbstverständlichkeit ist es, die mir in den letzten Monaten viel zu oft aus den Schlagzeilen entgegenspringt.

Wenn ich mir täglich neu ins Bewusstsein rufe, wie mein Leben aussehen würde, wenn all das Gute, was mir selbstverständlich geworden ist, fehlte, dann reicht einen Monat lang danken tatsächlich nicht aus.

von Monika Lesch, Katholische Gemeindereferentin

Foto: Kai G. Fuchs (Fundus)