Leise Anfänge
– Neujahrsgedanken –
Die Stadt ist müde, das Jahr noch jung. Ich stehe am Fenster mit einer Tasse Kaffee, die zu heiß ist, um sie gleich zu trinken. Unten fährt ein Bus vorbei, voll besetzt. Niemand schaut aus dem Fenster. Vielleicht sind es die Momente am Jahresanfang, in denen man lieber nach innen blickt – sich selbst befragt, wie das neue Jahr wohl wird und was es bringt.
Später, im Treppenhaus, lässt mir jemand den Vortritt. Ein kleines Zögern, ein kurzes Lächeln. Im Supermarkt hebt ein Kind einen heruntergefallenen Apfel auf und legt ihn zurück. An der Kasse bedankt sich jemand, wirklich aufrichtig, mit Blickkontakt. Nichts davon wird die Welt retten. Aber vielleicht hält es sie für einen Moment zusammen. Es sind Augenblicke, die nirgends auftauchen, nicht geteilt und nicht bewertet werden. Und doch geschehen sie. Still und unauffällig.
Am Beginn eines neuen Jahres geht es viel um Neuanfänge. Um Ziele, Pläne, Vorsätze. Auch das Bibelwort, das für das neue Jahr 2026 ausgesucht wurde, klingt danach: “Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!”
Und ich ahne, dass in den vielen Plänen und allen auch verstörenden Überraschungen auf den großen Bühnen der Welt, die kleinen Gesten schnell verloren gehen. Dabei sind es genau sie, aus denen Veränderung wächst – nicht spektakulär, aber genau dort, wo wir leben. Im Bus, im Treppenhaus, im Supermarkt. Vielleicht sind das die eigentlichen, schlagzeilenlosen Keimzellen des Neubeginns – in denen Gottes “alles neu” schon leise anfängt.
Sebastian Schirmer ist Evangelischer Pfarrer im Leipziger Südosten
E-Mail an Autor schreiben

Foto: Okapia

