Liebe lässt tief blicken

Ich stehe vor der Zelle und klopfe mit dem Schlüssel gegen die Metalltür. Als Seelsorger in der JVA Leipzig will ich einen Gefangenen besuchen. Die Tür öffnet sich. Vor mir steht jemand. Aber ich sehe ihn nicht. Das Gesicht des Gefangenen ist über und über mit Piercings gespickt: Augenbrauen, Wangen, Nase, Lippen, Kinn. Es sind vor allem Sicherheitsnadeln, 37 Stück, wie ich später erfahre.

Einen Moment lang war ich irritiert und wusste nicht, wo ich hinschauen soll. Doch als ich dem Gefangenen dann in die Augen blickte, sah ich all diese Nadeln und Metallspitzen nicht mehr. Jetzt sah ich sein Gesicht. Ich sah den Menschen.

Oft sehen wir einander nicht als Menschen, sondern in einer Funktion: als Arbeitnehmer, als Referentin, als Steuerzahler, als Pfarrer … Dann müssen wir funktionieren und eine Maske tragen. Ohne eine solche wären wir schutzlos. Die meisten von uns tragen keine Sicherheitsnadeln im Gesicht. Aber wir haben uns andere Schutzmechanismen zugelegt, um unser wahres Gesicht zu verbergen.

Jesus gelingt es immer wieder, hinter die Maske zu schauen und das Menschliche eines Gesichtes zu sehen: eine Bedürftigkeit, eine namenlose Trauer, eine verborgene Sehnsucht. Das Wort „anschauen“ oder „erkennen“ bedeutet in der Bibel zugleich auch „lieben“. Wenn es heißt: „Liebt einander!“ – könnte man das auch übersetzen mit: „Seht einander an! Schenkt euch gegenseitig Ansehen!“

Andreas Knapp, katholischer Priester und freier Schriftsteller (Leipzig-Grünau)

Foto: Schwerdtle