Ligeværdighed

„Gerngeschehen!“ raunzt der Hundebesitzer die Frau an, die mit dem Wagen voller wuselnder Kinder den Gehweg beansprucht und der er vorausschauend mit seinem Tier ausgewichen ist. „Äh… Dankeschön“ kommt die zögerliche Antwort der Frau. Mir drängt sich spontan der Gedanke auf: „Muss man denn so zu jemandem sein?“ In letzter Zeit stoße ich mich zunehmend an einem rauen Umgangston in meinem alltäglichen Umfeld.

Bei dem dänischen Pädagogen Jesper Juul ist mir das Prinzip „Gleichwürdigkeit“ begegnet (dän.: „ligeværdighed“). In der gelingenden Beziehung zwischen zwei Menschen finde eine Begegnung auf Augenhöhe statt. Die Wünsche und Bedürfnisse beider Seiten würden gleich ernst genommen und nicht herabgesetzt oder ignoriert – ungeachtet von Alter, Geschlecht, Status oder Beeinträchtigung. Angewendet würde man dem fundamentalen menschlichen Bedürfnis begegnen, in seiner Individualität wahr und ernst genommen zu werden.

Auch wenn Juuls Arbeit sich in erster Linie an das Miteinander von Eltern und Kindern richtet, wünsche ich mir mehr Gleichwürdigkeit im alltäglichen Miteinander. Mir fehlt ein vorurteilsarmer, wertschätzender und emphatischer Umgang. Wie bereichernd wäre es, wenn wir eine Gelassenheit im Zusammenleben entwickeln könnten, so dass sich keiner übersehen fühlen braucht und man im Zweifelsfall sogar auf ein „Danke“ verzichten kann.

von Monika Lesch, Katholische Gemeindereferentin

 

Foto: Schwerdtle