Mal angenommen…

In der Adventszeit rückt in christlicher Tradition die Hoffnung in den Fokus der Gebete und Lesungen, dass Gott kommt. Die Menschenzeit fließt und Gott rudert auf ihr gegen den Strom – den Menschen entgegen. Christliche Lehre sagt: Dann wird alles gut sein. Es wird weder Lüge, noch Unterdrückung, noch Kriege, noch Schmerz, noch Trauer oder Böses mehr geben. Das ist das Ziel, auf das sich Menschen mit Hilfe der christlichen Lehre ausrichten können.

Jedoch ist es so: Kaum jemand mag solch religiösen Rat beachten. Doch mal angenommen, unsere Gesellschaft lebt so, dass in der Zukunft – unabhängig von der jeweiligen Politik – viel Gutes erwartet werden darf. Mal angenommen, die Menschen leben auf Hoffnung hin. Mal angenommen, in der Zukunft gibt es eine geheimnisvolle Macht, die das Gute, das heute getan wird, dann noch potenziert. Mal angenommen, das wenige Gute – wirklich getan – würde sich exponentiell entwickeln, wie man es vom Virus oder leider auch von bösen Einstellungen kennt.

Ich bin davon überzeugt, dass des Menschen Streben immer mehr ist als das, was er greifen kann. Wenn dieses Streben jedoch etwas ist, was der Menschheit und dem Zusammenleben von Menschen letztlich schadet, ist davon abzuraten. Christliche Lehre hingegen möchte Menschen ermutigen, auf das Gute zu setzen: Das Gute kommt den Menschen entgegen. Mal angenommen, Menschen lassen sich mehr denn je davon anstecken.

von Jörg Sirrenberg, Pfarrer der Ev.-Luth. Kirchgemeinde im Leipziger Süden, Gemeindebezirk Marienbrunn

 

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