Manna

Gedanken zum Wochenende von Wolfgang Menz über Kraft für einen Tag

Nach langer Zeit sahen wir uns wieder. Was hat sich bei mir, was bei ihr ereignet? Ich hörte auch von Schicksalsschlägen, die bei ihr heftig und eng aufeinandertrafen. Dann ihre Frage: „Woher kommt die Kraft?“ Gute Frage. Eine schwupp-die-wupp-Antwort hatte ich nicht.

Wieder daheim empfing mich meine Frau. Sie hatte die Zeit genutzt, um eine Kinderstunde vorzubereiten. Was sie den Jüngsten erzählen will, hätte auch zu meinem Gespräch gepasst: Vor langer Zeit zog das Volk Gottes durch die Wüste. Tags brannte die Sonne, nachts wurde es bitter kalt. Die Verpflegung lag jeden Tag vor dem Zelt. Eine Überraschung, zum sofortigen Verbrauch bestimmt. Für eine Vorratshaltung aber total ungeeignet. So lebten sie sechs Tage die Woche von der Hand in den Mund. Nur für den siebten Tag, da ließ sich etwas aufsparen.

„Was´n dat?“ nannten sie staunend die Nahrung, „Manna“ in ihrer Sprache.

Die Geschichte ist wahr: Weil sich über Generationen bestätigt, dass man für einen Tag doch noch genug Kraft finden kann. Und morgen aufs Neue sucht. Die Geschichte ist wunderbar: Weil sich auch heute für hitzige Tage und bitterkalte Nächte kein Vorrat anlegen lässt. Kraft zum Weitergehen ist ein Geschenk.

Die Pointe: Für einmal in der Woche bleibt ein Überschuss. Zum Verschnaufen, zum Danken, zum Wundern. Mit der Ahnung, dass „Manna vom Himmel“ kommt.

Wolfgang Menz, Sozialpädagoge
Kontakt: kolumne@kirche-leipzig.de

 

Foto: Hans Genthe (fundus-medien)