„Mit dir kann man ja nicht reden!“

„Mit dir kann man ja nicht reden!“ empört sich in einem Beratungsgespräch der Mann über seine Frau. Über die Jahre haben sie das Reden verlernt, bis es am Ende in der Ehe nur noch Streit gab. „Und Du hörst nicht zu!“ kontert die Frau postwendend. Eine verfahrene Situation. Sie gehören zusammen und wollen das nicht aufgeben, deshalb suchen sie Hilfe. Eine Ehe lebendig zu leben, ist manchmal harte Arbeit.

Diese Woche haben wir 28 Jahre Deutsche Einheit gefeiert. Etwas, wofür viele Christen lange Zeit gebetet und gekämpft haben. Und als es dann geschah, war es wie ein Wunder und das ist es bis heute. Die Dankbarkeit für dieses Wunder darf uns nicht abhanden kommen. Doch leider hängt in diesem Jahr über dem großen Fest ein großer Schatten. Streit und Uneinigkeit übertönen die Lieder der Dankbarkeit. Statt zu feiern, streiten wir. Feindselig stehen sich Gruppen, Parteien und Initiativen gegenüber. „Wir werden niemals einen Feind los, indem wir Hass mit Hass beantworten. Wir werden den Feind los, indem wir die Feindschaft loswerden.“ Das sagte Martin Luther King einmal zu seinen Mitstreitern im Kampf um Bürgerrechte für Schwarze in den USA.

„Kriegen wir die Kurve?“, frage ich mich manchmal. Mir fällt ein Bibelvers aus den Psalmen ein: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Auch über Mauern, die wir in unserer Gesellschaft wahrnehmen? Gottes Traum vom Leben ist der Schalom: Menschen sind gesund, leben in Sicherheit, sind versöhnt mit sich und untereinander, erleben innere und äußere Ruhe und Frieden, sind frei. Das ist auch mein Traum und er ist keine Utopie. Die Sehnsucht danach steckt in jeder und jedem von uns. Um große Herausforderungen zu meistern, brauchen wir deshalb alle Menschen, Meinungen, Ideen und Hoffnungen, Ängste und Sorgen. All das muss auf den Tisch, auf einen möglichst runden, an dem offen und ehrlich miteinander gestritten wird und dann – allmählich– verlässt die Feindschaft das Zimmer.

„Danke, dass Sie uns geholfen haben, wieder miteinander zu reden.“ , so verabschiedete sich das Ehepaar am Ende einer Reihe von Beratungsgesprächen. Einheit in der Ehe ist ein Geschenk und sie ist es wert, darum zu kämpfen. Das gilt auch für ein ganzes Land. Im Kleinen fängt es an und setzt sich im Großen fort. Reden wir miteinander.

Pastor André Krause, Baptisten-Leipzig

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