Mit oder ohne…

„Ich hab das Fräulein Helen baden sehn, das war schön, da kann man Waden sehn, rund und schön …“, wurde in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gesungen. Heute würde diese Dame den Herren ganz andere Tonschöpfungen entlocken, denn ob 20 oder 60 Jahre alt, sieht man beim Baden kaum noch Waden ohne Tattoo. Auf Frauenrücken flattern nicht nur Schmetterlinge, auch Sterne und ganze Blütenteppiche zieren Dekolletés.

Bei Männern sah ich Kämpfer und Ritter auf dem Unterbein oder auch weibliche Vornamen. Auf dem Oberkörper eines mir bekannten Polizisten sind Szenen aus der Mythologie der Wikinger zu sehen. Fast millimetergenau ist dafür der Platz auf seinen muskulösen Armen bemessen – laut Dienstvorschrift dürfen keine Tätowierungen zu sehen sein. In diesem Fall muss ein Tattoo mehr als eine Laune sein.

Körperschmuck hat in vielen Kulturen eine lange Tradition. Ein gut gestochenes Tattoo auf einem wohlgeformten Körper kann erotisierend wirken. Und so, wie wir uns als Jugendliche die Haare lang wachsen ließen, um den Eltern zu zeigen: „Ich bin jetzt erwachsen“ – braucht es heute möglicherweise ein Tattoo. Ich bin kein junger Mann mehr, und deshalb fehlt mir vielleicht auch das Verständnis für diese Art Körperschmuck. Gott sei Dank muss ich nicht mehr allen Trends folgen.

In der Bibel schreibt Paulus in seinem Brief an eine der ersten christlichen Gemeinden in Korinth „Euer Leib ist ein Tempel des in euch wohnenden Heiligen Geistes, welchen ihr von Gott empfangen habt. Ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe“. Soll heißen: Achtet auf euren Körper und auf eure Gesundheit und versucht auch auf diese Weise von Gottes Reich bereits jetzt etwas in dieser Welt spürbar zu machen. Ein Vers in unserem Gesangbuch beschreibt es so: „Zieh in meinem Herzen ein, lass es deinen Tempel sein.“ und verdeutlicht damit, wie wertvoll wir Gott sind, als Tempel auf zwei Beinen, in dem Gott wohnt und durch den er anderen Menschen gegenüber tritt.

Jeder Mensch – ob nun Christ oder Atheist – weiß, wie wichtig es ist, etwas für das Wohlbefinden und nicht zuletzt auch fürs gute Aussehen zu tun. Wir pflegen und trainieren den Leib nicht nur für uns selbst, sondern für unser Ansehen bei anderen Menschen. Gott zu loben bedeutet auch, die Daseinsfreude zu empfinden, die uns mit unserer leiblichen Existenz geschenkt wurde. Ob nun mit oder ohne Tattoo.

Wolfgang Erler, Prädikant der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens

Foto: Lotz