Nächstenliebe

„Liebe Gott … und deinen Nächsten wie dich selbst.“ So lautet die Kurzfassung dessen, was für Jesus von Nazareth die heiligen Schriften und den Glauben seiner Vorfahren ausmacht. Für uns in der Fastenzeit kann es eine Kurzfassung für die Neuorientierung in den Wochen bis Ostern sein.

Nächstenliebe meint keine Gefühlsduselei. Ich würde es übersetzen als Gerechtigkeit gegen meinen Nächsten, ihm zugestehen, was er braucht.

Wer mein Nächster ist, muss wohl in der heutigen, globalisierten Welt anders definiert werden, als es die Menschen in der Zeit der Bibel getan haben: Die Näherin in Bangladesch, der Minenarbeiter im Kongo, der Kaffe-Bauer in Amerika, der Fließbandarbeiter in China.

Denn Vieles, was unseren verschwenderischen Lebensstil ausmacht, was zu unserem Wohlstand beiträgt, hat einen Preis, den andere zahlen: In entfernten Gegenden oder in der Zukunft, indem wir weniger Lebensmöglichkeiten hinterlassen, als wir selbst hatten. Billige Kleidung, meine Mobilität, Rohstoffe für immer bessere Elektronik, der Fleischkonsum, Massen von Plastik-Abfall. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Wenn wir uns neu ausrichten, auf Gott und den Mitmenschen, müssen wir unseren Lebensstil in Frage stellen. Wir werden nicht alles sofort ändern können. Aber jeder sollte für sich einen Punkt suchen, an dem er anfängt. Heute.

Stephan Radig, katholischer Theologe und Online-Redakteur St. Benno Verlag

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