„Posto Occupato“ – BESETZTER PLATZ

Abigajil war eine Frau von Verstand und schön von Angesicht, ihr Mann Nabal war hart und boshaft in seinem Tun.“ (1. Samuel 25, 3)

An Abigajil aus dem Alten Testament musste ich denken, als ich in einer kleinen evangelischen Waldenserkirche in Venedig einen reservierten Platz inmitten der Kirchenbänke sah. Auf dem Platz waren ein Paar rote Damenschuhe, ein rotes Tuch und eine Rose. Dazu ein Flyer der Initiative „Posto Occupato“. Auf diesem Flyer steht: „Die Initiative BESETZTER PLATZ (Posto Occupato) ist eine Geste, die allen Frauen gewidmet ist, die Opfer von Gewalt wurden. Jede dieser Frauen hatte einen Platz im Theater, in der Straßenbahn, in der Schule oder in der U-Bahn und in unserer Gesellschaft überhaupt, bevor der Ehemann, ein „Ex“, ihr Liebhaber oder auch ein Unbekannter ihrem Leben ein Ende machte. Diesen Platz wollen wir nun für sie freihalten, damit sie nicht im Alltag vergessen wird.“

Abigajil in der Bibel ist eine Frau, die unter Gewalt gelitten hat. Sie steht für die Frauen auf der Welt, die bis heute unter psychischer und körperlicher Gewalt leiden. Oft werden die Opfer nicht gesehen.

Und wenn in einer kleinen evangelischen Diasporakirchengemeinde in Italien durch das Freihalten eines Platzes dafür sensibilisiert wird, dass wir die Opfer erlittener Gewalt nicht vergessen, dann wird daran erinnert, dass die Opfer eine Geschichte und einen Namen haben – so wie Abigajil. Gewalt muss Einhalt geboten werden. Sie darf das Zusammenleben nicht bestimmen – weder in der Sprache noch in der Tat.

Kirche ist ein Platz, wo das gelebt werden soll. In Kirche ist ein Ort, wo ihnen ein Platz gegeben wird.

Mich beeindruckt, dass direkt im Kirchraum an die Menschen sichtbar erinnert wird, an die wir oft vorbeischauen. Es wird mitten in der Gottesdienstgemeinde auf diejenigen sichtbar verwiesen, die auf die handelnde und helfende Tat angewiesen sind. Die Opfer einer Gesellschaft dürfen nicht vergessen werden.

Pfarrer Enno Haaks, Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werk e. V.

Foto: Ant Rozetsky, unsplash.com