Schon bald wird geschehen, was längst geschah

Nun schon zum zweiten Mal ist das, was wir bisher Advent nannten, nahezu unmöglich. Vor uns liegt das zweite Weihnachten unter den Bedingungen der Pandemie. Glaubt man Experten, wird dies nicht zum letzten Mal so sein: kein Weihnachtsmarkt, kein öffentliches Weihnachtsliedersingen, keine Adventskonzerte, kein Weihnachtsoratorium, begrenzter Familien- und Freundesbesuch und wohl wieder nur sehr eingeschränkte Gottesdienste. Zur Wut fehlt inzwischen die Kraft. Müdigkeit macht sich breit. Ohnmacht und Hilflosigkeit sind unausweichlich. Das macht etwas mit uns, wenn wir nicht mehr mit offenen Armen einladen und feiern können, vielmehr ausladen müssen. Keine und keiner kann wissen, was uns noch bevorsteht. Wie lange halten wir das noch durch? Wie kommen wir da je wieder raus?

Trotz und in alle dem gibt es in mir diesen kleinen, großen Trotz: ein Kribbeln und Schauern, die unbändige Freude eines kleinen Kindes. Das kann doch nicht alles gewesen sein! Das, worauf wir Kerze für Kerze hoffen, kommt bald und ist schon längst da. Es ist merkwürdig: mitten in dieser Tristesse, mitten in Trauer und Vergeblichkeit ist da zugleich diese Spannung, dieses Lachen in meinem Herzen. Gegen allen Augenschein gibt es diese Momente, da lebe ich wie in einem glücklichen Rausch.

Allgegenwärtig diese unsichtbare Bedrohung und die schmerzlich spürbaren Beschränkungen; diese Selbst- und Fremdkontrolle; dieses Hin und Her zwischen Einsicht und Widerstand; dieses Nicht-Wissen, was kommt. Und doch: Es glüht und brennt in meinem Herzen. Es singt in mir: Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe! (Phil 4,4.5b)

Denn jetzt ist die Zeit, wo die toten Äste mit Reif bekleidet werden und die einst goldenen Blätter den Boden wärmen. Jetzt ist die Zeit, wo dunkle Gedanken aufhellen, sich das Haupt gen Himmel reckt und das Herz erinnert, dass Finsternis nicht finster bleibt und Licht statt Nacht wird sein. Jetzt ist die Zeit, wo neue Taten und Worte gefunden werden, von denen die hoffen und sehnen. Jetzt ist es Zeit, das Kind zu herzen und aufs Neue geschehen zu lassen, was einst geschah.

von Dr. Ralf Günther, Pfarrer der Michaelis-Friedens-Kirchgemeinde Leipzig