Solange du auf dem Weg bist

Ich bin ärgerlich. Ja, beim genaueren Hinsehen bin ich auch wütend. Wer kennt das nicht. Meist regt sich erster Unmut in uns, wenn wir Unrecht wittern oder unsere Machtlosigkeit spüren. Gerade wird von höherer Ebene über die Zukunft der beiden Innenstadtgemeinden St. Thomas und St. Nikolai entschieden, ohne dass die Menschen vor Ort dem Vorhaben zustimmen. Natürlich regt sich da Protest. Und dass die Solidarität der Nikolai- und Thomasgemeinde mit den anderen der gesamten Landeskirche in Frage gestellt wird, schmerzt, weil sie durch Strukturveränderungen in den letzten Jahren Einsicht in die Notwendigkeit gezeigt haben. Doch jetzt geht es um mehr, nämlich um die Vermischung und nicht die Schärfung von zwei außerordentlichen Profilen, um den Rückbau zwei ganz unterschiedlicher Konzepte mit jeweils eigener Ausstrahlung und Bindekraft. Die Thomaskirche und die Nikolaikirche sind Marken, die weithin bekannt sind. Sie anzutasten, macht ärgerlich, und das nicht nur mich. Die Bergpredigt wird damit auch für die Christen der betroffenen Gemeinden zur Herausforderung, wenn Jesus sagt: „Vertrage dich mit deinem Gegner, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist“ (Matthäusevangelium). Noch sind wir nicht am Ende des Weges, es bleibt Zeit, nach Lösungen und Antworten zu suchen. Darum werden wir uns bemühen, damit nicht Besiegte oder Verlierer zurückbleiben. Ich wünschte, wir könnten damit Vorbild sein.

von Bernhard Stief, Pfarrer der Kirchgemeinde St. Nikolai

 

Panorama Leipzig, Foto: Kirchenbezirk Leipzig