Sonnenstrahlen sammeln

Die Christen in Leipzig wünschen den Leserinnen und Lesern der LVZ einen gesegneten Sonntag: dass Sie Pause machen können von den Anforderungen der Woche, Gedanken und Gemüt zur Ruhe kommen, Sie Zeit für manches haben, was Ihnen zum Ausgleich dient, und dass Anregungen und Begegnungen Ihr Wochenende füllen, die Sie für den Alltag der neuen Woche beflügeln.

Das wünschen wir Ihnen, weil wahre alte Worte in der jüdischen und christlichen Bibel erzählen: Als der Mensch auf die Bühne der Welt tritt, da ist das Erste, was Gott ihm gibt, ein freier Tag, Feiertag. (Das sollte mal ein Arbeitgeber fertigbringen: Dienstbeginn mit „frei“.) Zeit soll der Mensch haben für die Schönheiten der Welt, für das Zusammensein mit dem Partner, der Partnerin, der Familie und Freunden. Die Gedanken soll er frei haben für Bilder, ein Buch und die Musik. Und Gelegenheiten, uns zu besinnen, was als nächstes dran ist, das sind unsere freien Tage auch. Damit wir uns nicht kopflos in unsere Aufgaben stürzen. Damit wir erkennen, ob wir wohl manches besser machen können, als es zuletzt gelaufen ist. Damit wir das Gute möglichst gut tun. Damit wir zur Klarheit gelangen und uns für das Lebensfördernde, Menschendienliche einsetzen. Darum beginnt die Menschheitsgeschichte in der Bibel mit dem Ruhetag. Schauen, hören, staunen, nachdenken als „Tun“ vor aller Tat.

Die Bibel gibt uns dafür ein gutes Vorbild: Gott. In der Schöpfungserzählung lesen wir: Mit dem Menschen auf der Erde – das befand Gott für gut und vollendete die Schöpfung, indem er einen Tag ruhte und diesen Tag segnete… Fast zum Schmunzeln, wenn wir uns das vorstellen: Gott ruht. Die Bibel erzählt das so bildhaft, damit wir mit Freude auf dem Gesicht Gottes Vorbild folgen.

Die Schüler und Schülerinnen haben Ferien. Viele unserer Mitbürger können in den Herbstferien noch einmal Urlaub machen – Zeit für das Sammeln von Kräften und guten neuen Eindrücken. Die brauchen wir doch so! – Ich denke an die tiefsinnige Geschichte „Frederick“ von Leo Lionni – eine Mäusejunge, der im Herbst, als alle anderen Mäuse Körner sammeln, auf einem Stein sitzt und Sonnenstrahlen, Farben und Wörter sammelt. Warum und wozu? Lest selbst; Ihr findet die Geschichte bestimmt irgendwo.

Pfarrer Dr. Michael Kühne,
Theologischer Geschäftsführer Diakonissenkrankenhaus Leipzig, Rektor DH-Leipzig

Foto: Lotz