Superintendent Sebastian Feydt: Aus Sakralräumen werden Sozialräume!

Die LVZ veröffentlicht seit Anfang Januar „50 Visionen für Leipzig“. Menschen aus der Stadtgesellschaft schreiben, was ihre Ideen und Projekte sind, damit Leipzig lebenswerter wird. Hier finden Sie die Vision von Superintendent Sebastian Feydt:

Visionär vorauszuschauen, wie Leipzig sich entwickeln wird, gelingt, wenn wir auf das Stadt-Bild der Kinder schauen. Malen sie Häuser mit weiten Fenstern, aus denen zufriedene Menschen herausschauen? Sehen wir daneben vielleicht einen Park mit einem Spielplatz? Straßen mit schnellen Straßenbahnen und vielen Fahrrädern? Wo lassen Kinder in ihrer Vorstellung die Menschen arbeiten?

Mich würde interessieren, ob in dem Bild der Stadt von morgen Türme von Gotteshäusern zu sehen sind. Seit Jahrhunderten prägen Kirchtürme das Leipziger Stadt-Bild – und zwar nicht nur das Zentrum mit den Stadtkirchen St. Nikolai und St. Thomas, der Propsteikirche, der Reformierten Kirche und der Universitätskirche. Lange Zeit gehörten ganz selbstverständlich auch Synagogen dazu. In jüngerer Vergangenheit sind muslimische Gebetsstätten hinzugekommen.

In naher Zukunft wird eine vielseitige Großstadt wie Leipzig stark darauf bauen, dass es inmitten der Bürgerschaft zahlreiche gläubige Menschen gibt, die das Beste der Stadt suchen, dafür einstehen und darum beten. Ihr Glaube an Gott lässt sie in Respekt vor der Würde eines jeden Menschen engagiert und mutig für alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt und ihre Gäste eintreten. Zusammen dem Gemeinwohl zu dienen, verbindet die Religionsgemeinschaften und christlichen Konfessionen in ihrer gemeinsamen Verantwortung für Leipzig.

Wichtig sind gemeinsame Lern-Orte, um das Vertrauen zueinander und in die Zivilgesellschaft zu stärken. Gelingendes Miteinander in einer offenen Gesellschaft basiert auf wechselseitiger Verständigung. Dazu braucht es Räume und eine gute Moderation, um sich vor Ort – also im Stadtteil, in der Straße, in der Nachbarschaft – über die Belange des alltäglichen Zusammenlebens auszutauschen und ein gemeinsames Engagement zu vereinbaren.

Schützende Sakralräume können dabei gute Sozialräumen sein. Ihre Heiligkeit bleibt erhalten, da das Gebot der Menschen- und der Gottesliebe dort offensiv gelebt wird.

Leipzig würde es gut zu Gesicht stehen, wenn wir als erste Stadt im Osten Deutschlands christliche, muslimische und jüdische Kinder in einer Schule gemeinsam und voneinander lernen lassen. Eine Schule des religiösen Miteinanders strahlt aus und stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Den werden wir angesichts der absehbaren sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen noch mehr brauchen. Weder wird der Staat beziehungsweise die Kommune immer mehr leisten können, noch lassen sich unbegrenzt Aufgaben in die ehrenamtlich engagierte Zivilgesellschaft delegieren. Um im Stadt-Bild zu bleiben: Alle, die sich am Marktplatz zusammenfinden – Rathaus, Wirtschaft, Wissenschaft, Kulturträger, Kirchen und Religionsgemeinschaften – leben eine starke Sozialpartnerschaft.

Die diakonischen und karitativen Einrichtungen im Umfeld der Kirchen sind dabei Vorbilder für gelebte Nächstenliebe und Oasen für Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Christliche Krankenhäuser bleiben heilsame Stätten. Am Anfang, an den Übergängen, an den Bruchstellen des Lebens und an seinem Ende weiß ich mich in den Angeboten der Kirchen gut aufgehoben. Ob in Kitas oder Hospizen, in Schulen oder in der Seelsorge: Die Kirchen stehen für die Belange der Menschen ein. Was für ein freundliches Bild unserer Stadt kann so entstehen…

Superintendent Sebastian Feydt: Eine Schule für alle Religionen – Artikel auf der Internet-Seite der LVZ öffnen