Tag der Deutschen Vielheit
Michael Brugger zum Nationalfeiertag
Wieder ein Jahr deutsche Einheit vorbei, und immer noch so weit weg davon. Feierlaune – Fehlanzeige. Immer noch so ungleiche Verhältnisse. Immer noch so viel Unwissen übereinander. Immer noch so viel Wut, Gram oder Gleichgültigkeit über das nie ganz eingelöste Versprechen. Immer noch hängt sie unerreichbar hoch und drückt so schwer – die Einheit. Ich schlage deshalb vor, wir machen einen Schritt zurück: Wir feiern den Tag der Deutschen Vielheit.
An diesem Tag erinnern wir uns daran, dass wir viele sind – jeder einzelne von uns und im ganzen Land. Wir üben an diesem Tag den Grundschritt des Einheitstanzes: die Toleranz. Wir lassen uns selbst und die anderen stehen, wie wir sind – ohne alles gut zu heißen und ohne alles zu verteufeln. Wir dulden, was uns erstmal befremdet. Wir hören die vielen Stimmen, ohne alle verstehen zu müssen. Wir würdigen unsere Vielheit – im Land und in jeder einzelnen von uns.
Wenn dieser Schritt eingeübt ist, dann kommen wir in Schwung. Dann ist der nächste Schritt, der zur Einheit, nicht mehr so schwer. Wir verstehen dann besser, worauf es ankommt. Wo es Einheit braucht und wo nicht – in uns selbst und im Staat. Denn die Einheit ist in der Demokratie nur ein Schritt unter vielen und Gott sei Dank nicht der ganze Tanz.
Michael Brugger ist Krankenhausseelsorger im Klinikum Sankt Georg Leipzig
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