Totengedenken

In diesem Jahr werde ich am Toten- oder Ewigkeitssonntag keinen Gottesdienst halten wie sonst. Dieses Jahr stehe ich auf der anderen Seite. Ich bin selbst in Trauer. Vor drei Monaten ist mein Vater gestorben. Die letzten Wochen seines Lebens verbrachte er im Krankenhaus. Wir haben den Abschied kommen sehen. Und doch fällt das Abschiednehmen schwer, auch wenn mein Vater über 80 Jahre alt geworden ist. So selbstverständlich hatte er doch zu uns gehört, seit ich denken kann.  Immer war er uns so liebevoll zugewandt. Manchmal habe ich Angst, seine Stimme zu vergessen, versuche mir ihren Klang in Erinnerung zu rufen. Jeder Satz, geschrieben von seiner Hand, auf einen Brief etwa, wird auf einmal ganz wertvoll und doch machen solche Spuren ihn nicht wieder lebendig. Es ist, als wäre es mit einem mal kälter geworden auf der Welt. Wir haben ihn begraben auf dem Friedhof in meiner Heimat. Ein paarmal stand ich schon an seinem Grab. Ich lese seinen Namen auf dem Holzkreuz, schwarz und kalt. Am Toten- oder Ewigkeitssonntag werde ich wieder dort sein. Es ist Sitte so – es ist mir auch ein Bedürfnis. Ich bin froh, dass der Friedhof im November-Grau nicht der einzige Ort der Erinnerung ist am Totensonntag. Im Gottesdienst in der Kirche meines Heimatdorfes werden die Namen  all derer verlesen, die im zu Ende gehenden Kirchenjahr verstorben sind. Diesmal  wird der Name meines Vaters auch dabei sein. Gesprochen von einer menschlichen Stimme wird sein Name anders „klingen“ als in schwarzen Lettern auf dem Friedhof, lebendiger, näher. Das hoffe ich zumindest. Sie werden ein Licht für ihn anzünden in der Kirche. Das sehe ich gerne vor mir –warm und hell und auch verletzlich. Ist es das, was mir daran „einleuchtet“:  Das Helle und Warme, das er geben konnte, das leuchtet weiter auf den Wegen unseres Lebens, auch wenn wir diese Wege nun ohne ihn gehen werden?

Das Erinnern dort in der alten Dorfkirche wird begleitet sein von Liedern. Vielleicht werde ich nicht so recht mitsingen können. Gut, dass es die anderen Stimmen gibt, die den hohen Raum der Kirche zum Klingen bringen werden. So viele haben früher hier schon gesungen und gebetet – lange vor meiner Zeit. Ich hoffe, dass mich das trägt und die anderen auch, die um einen lieben Menschen trauern.

Pfarrerin Ruth Alber, Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde Leipzig-Connewitz-Lößnig

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