Und doch …

Die Kirche hat ein Problem. Gut, ich höre Ihre Einwände: Sie hat freilich nicht nur ein Problem, sie hat sehr viele Probleme, aber doch eines ganz besonders: Sie profitiert nicht vom unglaublichen Aufschwung, den das Religiöse gerade erlebt. Nur wenige, und auch eigentlich nur die Spinner konnten sich in den 70er, 80er Jahren mit Worten wie Achtsamkeit, Meditation oder Mandala an eine breitere Öffentlichkeit wagen. Ein bestimmter Blickwinkel auf die Naturwissenschaft bestimmte das Feld – mindestens hier im Osten. Wer sich dem nicht wenigstens in Teilen unterwarf, war faktisch nicht gesellschaftsfähig. Ein Idealist. Und Idealisten waren beinahe so schlimm wie die, die hinter ihrem Namen im Klassenbuch ein I stehen hatten – vielleicht waren sie auch schlimmer.

Heute kann man mit fast jeder noch so abwegigen Theorie Aufmerksamkeit erregen. Hauptsache sie riecht nicht in irgendeiner Weise nach Kirche. Das könnte ernsthaft geschäftsschädigend sein. Kirche ist nicht „in“ – auch wenn sich das, wofür Kirche steht und stehen sollte, großer Beliebtheit erfreut: zur Gelassenheit finden, loslassen können, nicht von den Zukunftsängsten aufgefressen werden, eine sinnvolle Tages- und Lebensstruktur finden, verantwortlich mit der Schöpfung umgehen. Und: selbst dann noch geachtet, geliebt und angenommen sein, wenn nichts mehr trägt, wenn man selbst nichts mehr leisten kann, selbst dann noch hören: Ich bleibe bei dir, bis ans Ende deiner Tage, ich, Gott, bleibe nah bis ans Ende aller Tage.

Die Sehnsucht danach ist groß – und die Enttäuschung ebenso. Hätte es nicht mit einem solchen Gott besser laufen müssen? Hätte da nicht mehr Glück sein müssen und weniger Versagen? Mehr Frieden und Heiterkeit und weniger Mord und Totschlag? Mehr Liebe und weniger Zerbrechen an all dem, was in Beziehungen mühevoll sein kann?

Dieser Gott, der sich in unterschiedlichster Weise den Menschen zeigt, ist ein merkwürdiger Gott: Wenn man ihn zu fassen meint, wenn man’s im Griff hat, ist es plötzlich nicht mehr zu spüren. Aber dann, ganz nebenbei, beim Betrachten eines Gänseblümchens oder beim Apfelpflücken, mitten in einem Sting-Konzert oder an einem Grab, ganz plötzlich versteht man, wie Leben gemeint sein könnte. Und dann geht es wirklich anders weiter.

Fassbar ist es nicht, aber erfahrbar. Funktionierend einsetzbar ist es nicht, aber lebbar. Keine Rückversicherung und keine letzte Interpretation, keine Formel, nichts, was ganz genau so immer und immer wieder funktioniert. Und doch …

Bettine Reichelt, Schulpfarrerin im Kirchenbezirk Leipziger Land, Autorin und Lektorin

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