Verschlossen

– über soziale Kälte –

Die Nachbarinnen stehen im Hausflur und quatschen. Über persönliches aber auch: „Hast Du schon gemerkt, dass die Haustür nicht mehr alleine schließt?! Gegenüber ist das auch passiert und da hat sich die eine fürchterlich erschrocken, als sie plötzlich im Waschkeller jemanden liegen sah. Eine obdachlose Frau, die im Winter guckt, welche Häuser nicht abgesperrt sind. Im Sommer ist sie in den Gärten unterwegs, aber wenn’s kalt ist, sucht sie sich Nischen in den Häusern. Wir müssen aufpassen, dass die Türen immer verschlossen sind!“ Die andere nickt energisch. Ein anderer Nachbar kommt vorbei. Auch er wird gleich instruiert, vor allem seine Kinder drauf aufmerksam zu machen, immer die Tür zu schließen. Nicht dass hier noch jemand ins Haus kommt!

Beim ersten Hören dieser Begebenheit dachte ich: ja klar! Müssen sie drauf achten; nicht, dass noch was geklaut wird. Ein beklemmendes Gefühl, dass man sich im eigenen Haus nicht mehr sicher fühlen könnte, überkam mich und ich zog meine eigene Haustür umso fester ins Schloss.

Die Beklemmung legte sich davon aber nicht, die wurde eher größer. Die Türen zuzuriegeln,  das können wir gut. „Türen geschlossen halten“, liest man oft auf Schildern: wegen der Sicherheit, weil es sonst zieht oder weil man schlicht seine Ruhe haben möchte. Ich muss an die Frau denken, die Schutz vor Kälte sucht.

Manchmal mache ich Türen zu und hab das Gefühl, dadurch wird es eher noch kälter.

Anna-Maria Busch ist Stadtjugendpfarrerin in Leipzig

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