Versuch’s mal ohne „Aber“!

Friederike Ursprung über Gegensätze, die nicht immer welche sind

„Aber“ ist die Löschtaste der Sprache – das habe ich neulich in einem Social Media-Post gelesen.

Ein Politiker hatte gesagt: Was ein politischer Gegner erlebt oder meint – nehme ich zur Kenntnis – aaaber: und dann folgte sinngemäß: Für mich zählt etwas anderes viel mehr!

Der höfliche erste Teil schien nach dem großen „Aber“ nicht mehr zu gelten, nur noch die eigene Sicht, basta!

Beispiele gibt es in der Politik, und auch in Job oder Familie:

Aber wir müssen doch sparen!
Aber der Dienstplan gibt das nicht her!
Aber das hat jemand anders verbockt!
Aber du hast neulich dies gesagt oder jenes vergessen …

Manchmal sind es begründete Einwände. Und ja, das kann alles nebeneinanderstehen:

Die Sorge um Gerechtigkeit – und auch ums Geld.
Ein dringendes Problem – und gleichzeitig ein anderes.
Dass jemand Mist gebaut hat – und auch selbst Hilfe braucht.
Ärger über andere – und genauso die eigene Verantwortung.

Ich versuche es so: Jedes Mal, wenn ich „aber“ sagen oder schreiben möchte, frage ich mich: kann es auch „und“ heißen? Erstaunlich oft funktioniert es – denn verschiedene Sichtweisen, verschiedene Bedürfnisse schließen sich ja nicht automatisch aus.

Und vielleicht kann es schon ein Schritt zur Lösung sein, offen zu bleiben für andere Menschen, andere Perspektiven – ohne Wenn und Aber!

Friederike Ursprung, evangelische Kirchenredakteurin bei Radio PSR

Kontakt: kolumne@kirche-leipzig.de

 

Foto: Jürgen Treiber (fundus-medien)