Verwunderte Gedanken
Von Wolfgang Menz
Das Stadtgeschichtliche Museum verwahrt einen vergoldeten und verkupferten Becher. So wird sein Wert geschützt, mehr noch die Erzählung, die an ihm hängt. Er soll einst in den Händen einer Maria gelegen haben. Täglich teilte sie ihre Zeit mit den Pestkranken der Stadt. 1441 habe sie „ihre“ Kranken zu einer Quelle am Stadtrand geführt. Nach einem Gebet schöpfte sie Wasser mit diesem (?) Becher. Wer trank, wurden darauf gesund.
Zur Legende wurde ihr Verhalten, weil sie trotz Ansteckungsgefahr die Nähe zu Ausgeschlossenen wagte. Wunderbar wurde es, weil sie glaubte, dass Mitfühlen, Hoffnung schöpfen und Austeilen eine Chance verdienen. Und sei dies nur, weil der Himmel gelegentlich ein passendes Wunder dazu gibt.
Eine Tafel im Amselpark von Marienbrunn erzählt diese Begebenheit. Für spätere Zeiten. Damit Große nie widerspruchslos die Kleinen übersehen. Mächtige dem Schwachen ihr Land, ihre Freiheit, ihre Bodenschätze rauben – und das dreist zu ihrem Recht erklären.
Eine Gegenlegende erzählt vom Tropfen auf den heißen Stein. So, als würde sich der ganz normale Beistand nicht lohnen. Dabei liegt doch so etwas wie ein Becher in meiner/Ihrer Hand. Zum Schöpfen und Austeilen. Mehr nicht? Muss es auch nicht – denn für größere Wunder trägt bekanntlich ein anderer die Verantwortung.
Wolfgang Menz ist Sozialpädagoge
Foto: Rolf Oeser (fundus-medien)




