Vielfalt für das Leben – 150 Jahre Diakonie in Leipzig

Wohnungsnot, Altersarmut, Pflegenotstand, Existenzangst – das Leben in der Stadt ist geprägt von sozialen Spannungen. Die Schere zwischen arm und reich geht weit auseinander. Was wie eine aktuelle Schlagzeile klingt, beschreibt die Folgen des unkontrollierten Wachstums von Wirtschaft und Kapital um das Jahr 1869. Staatliche Sozialsysteme gab es noch nicht. Aber es gab Menschen, die sich in christlicher Nächstenliebe engagierten, ehrenamtlich zumeist. Menschen, denen die Not anderer nicht egal war.

Heute vor 150 Jahren wurde der Verein für Innere Mission in Leipzig gegründet. Soziale Projekte wurden gebündelt, um das Elend nachhaltig zu lindern, das durch den Industriekapitalismus verursacht wurde und der Staat nicht bewältigen konnte. Sogenannte Kinderbewahranstalten entstanden, Zufluchtsstätten für „gefallene Mädchen“ und Obdachlose, und auch für Menschen, die aufgrund körperlicher oder geistiger Behinderungen keine Chance auf Hilfe, Förderung und Teilhabe hatten. Die Arbeit war von Anfang an so vielfältig wie das Leben.

„Vielfalt für das Leben“ ist auch das Motto im Jubiläumsjahr des Diakonischen Werkes Innere Mission Leipzig e.V., wie der Verein heute heißt. Die Arbeit von über 1400  hauptamtlichen Mitarbeitenden wird von vielen hundert Ehrenamtlichen unterstützt. Trotz sozialer Sicherungssysteme kommt auch unsere Gesellschaft heute ohne Spenden und ehrenamtliches Engagement nicht aus. Werke wie die Diakonie spielen dabei eine wichtige Rolle. Hier geht es nicht um Gewinnmaximierung, sondern darum, dass Menschen haupt- oder ehrenamtlich für andere da sind, sie zur Teilhabe befähigen und sie auch begleiten, wenn das Leben zu Ende geht. Man muss das nicht einmal christlich nennen. Es ist eine alte Einsicht: Was ihr wollt, das die Leute euch tun sollen, das tut ihnen auch. Jesus von Nazareth hat sie in seiner Bergpredigt der Menschheit neu ins Gewissen geschrieben. Es geht um Würde und Teilhabe – eine große und vielfältige Aufgabe für eine solidarische Wertegemeinschaft, die wir nicht auf den Altären des Kapitalmarktes opfern dürfen.

Prof. Dr. Jens Herzer, Vorsitzender des Verwaltungsrates des Diakonischen Werkes Innere Mission Leipzig e.V.