Alles schon dagewesen

Weggesperrt wie Tiere – so fühlten sich Heimbewohner eines Pflegeheimes. Der Selbstbestimmung beraubt. Das Dilemma ist groß: Einerseits die Notwendigkeit die Ausbreitung des Virus zu verhindern, andererseits die Grenzen unserer westlichen Medizin, die zuerst auf den Körper und selten auf die Seele schaut. Per Patientenverfügung kann jeder über sein Sterben entscheiden. Aber hier wird die eigene Entscheidung unter Abwägung des Risikos, vielleicht ein letztes Mal die Angehörigen zu sehen und zu sprechen, um dann in seelischer Ruhe sterben zu dürfen, verweigert. Abstand bedeutet hier Ausgrenzung und Einsamkeit. Alles schon mal dagewesen. Zurzeit von Jesus. Da hieß es Lepra-Aussatz, nicht Corona. Auch diese Menschen wurden isoliert. Jesus lief nicht weg, als ein Aussätziger in seiner Verzweiflung auf ihn zukam. Er hielt keinen Abstand. Jesus hatte Mitleid, streckte ihm die Hand entgegen. Der Aussätzige verändert sich, so als ob er gesund würde. Nicht durch eine Impfung, sondern durch die Nähe und Anteilnahme von Jesus. Wie wir miteinander umgehen und welches Risiko wir eingehen wollen, muss jeder selbst entscheiden – aber wir sollten nicht vergessen, dass ein Mensch mehr ist als das Ergebnis eines Corona-Tests und einer Warn-App.

Pfarrerin Ines Schmidt, St. Laurentiuskirchgemeinde Leipzig-Leutzsch, Flughafenseelsorgerin FH Leipzig-Halle

Foto: Wodicka

 

Reaktionen auf den Impuls der Woche:

 

Sehr geehrtes Team der Öffentlichkeitsarbeit,
mein Name ist Juliane Kronberg. Ich gehöre zur Leutzscher Kirchgemeinde und arbeite als Hausärztin in Markranstädt.
Als ich den „Impuls der Woche“ von Pfarrerin Schmidt gelesen habe, fragte ich mich, was sie damit ausdrücken wollte.
Vielleicht wollte sie mit ihrem Beitrag einfach nur darauf hinweisen, wie einsam Menschen sein können und wie wichtig menschliche Nähe ist. Das betrifft übrigens nicht nur Pflegeheimbewohner (wobei die meisten meiner Patienten, die im Pflegeheim wohnen, sich durch die dortige Gemeinschaft weniger einsam fühlen), sondern noch viel mehr alte und auch jüngere Menschen, die allein leben.
Von Frau Schmidt erfuhr ich, dass sie sich mit dem Zitat „Weggesperrt wie die Tiere“ auf einen Artikel in der LVZ vom 31.12.2020 bezieht und mit ihrer Argumentation eine kontroverse Diskussionen anregen wollte. Diese Einladung nehme ich auf diesem Wege gerne an.
In besagtem Zeitungsartikel beklagten Pflegeheimbewohner, dass nach einem Ausbruch von Covid-19 die Isolation nicht frühestmöglich aufgehoben wurde, weil die nötige Schlussdesinfektion personell noch nicht geleistet werden konnte.
In dem „Impuls“ klingt es jedoch, als würde sich diese Klage pauschal auf alle/viele Pflegeheimbewohner beziehen, die zu ihrem eigenen Schutz von Vorsichtsmaßnahmen getroffen sind und als dürfte kein Pflegeheimbewohner zurzeit Besuch empfangen.
Im ersten Lockdown berichteten mir die Pflegenden, dass das Besuchsverbot spürbare Unruhe bei vielen, vor allem demenzkranken, Bewohnern bewirkte. Seit Anfang Mai jedoch dürfen die Bewohner von Pflegeheimen und betreutem Wohnen wieder von ihren Angehörigen besucht werden. (Seit Anfang Dezember ist hierzu zum Schutz der Bewohner ein Corona-Schnelltest notwendig.)
Zwei meiner Patienten sind im Krankenhaus verstorben, weil sie sich dort leider mit Covid-19 infiziert haben. Ihre Angehörigen durften auch dort jeden Tag bei Ihnen sein, um sie an ihrem Lebensende zu begleiten.
Die Begleitung Sterbender war ausdrücklich in jeder Corona-Verordnung ein Ausnahmegrund für Kontakt-Beschränkungen.
Ich sehe zwar, dass es viele Betreuungseinrichtungen gibt, in denen der Pflegekräftemangel und wirtschaftliche Unzulänglichkeiten der wünschenswerten menschlichen Nähe und Zuwendung im Wege stehen.
In den beiden Pflegeheimen jedoch, die meine Kollegin und ich in Markranstädt betreuen, erlebe ich eine liebevolle und fürsorgliche Betreuung durch die Pflegekräfte. Mindestens einmal im Monat besuche ich dort meine Patienten und von keinem habe ich seit dem Beginn der Kontakt-Beschränkungen je eine derartig heftige Klage vernommen, wie ich sie in dem Impuls stellvertretend für alle Pflegeheimbewohner verstanden habe.
Um die Bewohner vor einer Infektion zu schützen, lassen die Pflegenden zweimal pro Woche einen unangenehmen Test über sich ergehen.
Die Formulierung „weggesperrt wie Tiere“ pauschal für alle Pflegeheime zu benutzen, birgt meiner Ansicht nach eine fehlende Anerkennung für all das, was die Pflegenden hier leisten, mit und ohne Pandemie. In einem Beruf, der nach wie vor viel zu schlecht bezahlt wird, leisten sie hier nämlich großartiges.
Ich weiß, dass auch ältere Menschen eine Covid-19 Infektion ganz oder relativ unbeschadet überstehen können. Wer an Covid-19 stirbt, stirbt allerdings meistens an Lungenversagen. Die Formulierung „um dann in seelischer Ruhe sterben zu dürfen“ finde ich deshalb in diesem Zusammenhang mehr als deplatziert.
Ein weiterer Punkt, dem ich ganz klar widersprechen muss, ist die Aussage am Ende des Textes, dass jeder für sich selbst einschätzen muss, welches Risiko er eingehen möchte. Grundsätzlich muss jeder für sich selbst z.B. bei medizinischen Eingriffen Nutzen und Risiko abwägen, das ist richtig.
In einer Pandemie allerdings bedeutet eine eigene Infektion auch immer ein Ansteckungsrisiko für weitere Menschen. Somit trägt jeder, der sich willentlich einem erhöhten Ansteckungsrisiko aussetzt, auch die Verantwortung für andere Menschen.
Zusätzlich besteht das Problem, dass das Gesundheitssystem stark gefordert und in vielen Bereichen überlastet ist. Jeder neue Erkrankte wird eine zusätzliche Belastung bedeuten. Auch als PfarrerIn sollte man diese Tatsache nicht ignorieren.
Den Biblischen Bezug zu Jesu Umgang mit Leprakranken zu suchen, ist an dieser Stelle in meinen Augen auch nicht gut gelungen.
In Matthäus 8 bzw. Markus 1 heilt Jesus einen Aussätzigen, indem er ihn berührt, und bittet ihn, niemandem davon zu erzählen. Außerdem möchte er zeigen, dass er sich an das Gesetz hält, und bittet darum, vorgeschriebene Opfer darzubringen.
Bei Lukas 17 heilt Jesus 10 Aussätzige, allerdings wahren hier alle den hygienischen Abstand. Hier fragt Jesus, warum nur einer von ihnen, ein Samariter, in Dankbarkeit zurückkommt.
Er gibt außerdem an einigen Stellen in den Evangelien seinen Jüngern den Auftrag, Aussätzige zu reinigen.
Die Absonderung von Leprakranken war damals eine wichtige hygienische Maßnahme, die vermutlich allgemein akzeptiert wurde. Dass Jesus sich ihnen genähert hatte, war nicht das aufsehenerregende in den Geschichten.
Tatsächlich ist es auch heute möglich, unter Wahrung der hygienischen Schutzmaßnahmen Nähe und Fürsorge oder einfach nur Interesse zu zeigen. Für seine Nachbarn einzukaufen oder Menschen anzurufen, die alleine leben, kann einsamen Menschen helfen.
Vielleicht hätte man im „Impuls der Woche“ den hygienisch geschützten Kontakt zu einsamen Menschen anregen können, anstatt die Sinnhaftigkeit der Hygienemaßnahmen aus dem Auge zu verlieren. Und das Problem besteht auch nach der Pandemie weiter. Auch ohne „von oben“ auferlegte Kontaktbeschränkungen fühlen sich viele Menschen oft von ihren Angehörigen abgeschoben, wenn sie in betreuenden Einrichtungen untergebracht werden (sollen).
Deshalb möchte ich diesen „Impuls“ nutzen und dazu anregen, einen wachen Blick für die zu haben, die ausgegrenzt sind oder oder sich ausgegrenzt fühlen. Ihnen wie Jesus offen entgegenzutreten, damit sie mit Gottes Hilfe Heilung an (Körper und) Seele erfahren können.

Mit freundlichen Grüßen
Juliane Kronberg
(per E-Mail vom 18.1.21)