Weil der Mensch ein Mensch ist

Fast ein ganzes Jahrhundert hat sie miterlebt. Heute feiert meine Oma ihren 99. Geburtstag. Immer noch betet sie täglich für die ganze Familie, auch wenn sie uns manchmal nicht mehr richtig erkennt. Wenn ich sie besuche, erzählt sie viele Dinge mehrfach. Darunter ist weniger Wichtiges, Gedichte zum Beispiel, die sie als Kind gelernt hat und die immer länger werden, je älter sie wird. Und sie sagt Dinge, die ihr sehr wichtig sind. Immer wieder sagt sie: „Ich wüsste niemanden, mit dem ich im Streit bin.“

Sie ist eine Frau, die es harmonisch liebt. Schon immer wollte sie gern mit allen in Frieden leben und sicher glaubt sie, was sie sagt. Von unserer Gesellschaft lässt sich leider nicht sagen, dass es da so herzlich zu geht. Breite Gräben haben sich in den letzten Jahren aufgetan. Vielleicht waren sie schon vorher da, jetzt aber sind sie nicht zu übersehen. Hass und Verachtung werden ausgekippt über Menschen, die eine andere Meinung haben oder anders sind: in Diskussionen, in Leserbriefen und ungefiltert im Internet. Auch manche Politiker tun das ganz öffentlich. Sie bezeichnen Immigranten als „Tiere“ oder rufen dazu auf jemanden „nach Anatolien zu entsorgen“. Für solche Äußerungen erhalten sie viel Beifall.

Nein, in unserer Gesellschaft, in dieser Welt geht es nicht so harmonisch zu, wie in den Wunschvorstellungen meiner Oma. Und es nützt nichts, die Augen vor den Verwerfungen zu schließen. Wahrscheinlich braucht es eher mehr Streit, als weniger. Mehr klare Kante, statt Beschwichtigungen. Aber an einem Prinzip sollten wir festhalten: Egal wie verschieden wir in einer Sache denken, egal wie scharf ich eine andere Meinung ablehne – der, der sie vertritt und hat, bleibt ein Mensch. Ich kann und muss vielleicht seine Überzeugungen, Äußerungen und Handlungen verdammen, wenn ich meinem Gewissen folgen will. Er selbst bleibt ein Mensch, dem eine Würde zukommt. Er bleibt aus christlicher Sicht ein Geschöpf und ein Ebenbild Gottes, wie schwer mir auch fallen mag, es zu erkennen.

Wer diese Schranke übertritt, wer anderen ihre Würde und ihre Gottebenbildlichkeit abspricht, stellt sich außerhalb einer zivilisierten Gesellschaft wie auch einer Werteordnung auf christlicher Basis. Meine Oma musste in ihrem langen Leben miterleiden, wohin ein solcher Umgang miteinander führte.

Johannes Markert, Pfarrer zur Erteilung von Religionsunterricht im Kirchenbezirk Leipzig

Foto: Lehmann