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„Das Leben ist wie ein Jahr.“ Die alte Dame, die mir diesen Satz hinwarf lächelte freundlich, war adrett frisiert und ihre Augen blinzelten vergnügt. Offenbar bereitete es ihr sichtlich Vergnügen, meine Verwirrung zu sehen. Sie wird geahnt haben, dass mir zuerst der Gedanke durch den Kopf schoss: „Was, so kurz?“

„Jaja“, so sagte sie weiter, „Kindheit und Jugend sind wie der Frühling, aufblühend. Und der Sommer dann wie als Erwachsener, in vollem Saft. Der Herbst ist auch schön, mit seinen milden Farben und dem freundlichen Licht. Man kann zurücksehen und innerlich die Ernte einfahren. Der Winter dann wird still. Nebel steigen. Die Landschaft ruht. Ich glaube, ich bin gerade Ende November.“

Aus diesem Gespräch bin ich trotz des mitschwingenden Ernstes froh gegangen. Ihr milder Blick auf das Leben tat mir gut. Zu der Zeit zwischen Herbst und Winter wäre mir auch anderes eingefallen. Ich hätte an Stürme gedacht, die selbst große Bäume entwurzeln und nasse Kälte, die in die Glieder zieht. Im Winter dann lässt der Frost alles erstarren und bindet ans Haus. Sie hat in Herbst und Winter auch Schönheit gesehen, bei allem was bedrängend ist. Ich spürte darin eine innere Weite, die sie versöhnlich urteilen ließ. Ganz ähnlich der Weite, in die übermorgen der Ewigkeitssonntag in den Kirchen führen will.

von Lüder Laskowski, Pfarrstelle für „Kirchliche Arbeit in neuen Stadtquartieren“

 

Foto: Karsten Packeiser (fundus-media)