Wenn dein Kind dich heute fragt:…

Sie wollte ihre Frage stellen – hatte das Bild gesehen. Heute sollte es passieren.

„Wer war Judith?“ Die Mutter hatte Tränen in den Augen und fing an zu erzählen. Judith passte auf, wenn meine Eltern nicht da waren. Ich hatte sie sehr gern.

„Mama, wo ist Judith?“ Wieder Tränen und dann sprach sie weiter: „Judith war plötzlich weg. Als Jüdin musste sie den Davidstern tragen – außer mit meiner Familie im Cafe, dann trug sie ihn nicht, hatte aber Angst verhaftet zu werden. Ich habe später nach ihr gesucht. Ihre Familie wollte in die Schweiz. Sie haben es nicht geschafft und wurden ins KZ deportiert.“

Wieder ein Kind und eine Frage: Wie war das mit den Montagsdemonstrationen? Die Mutter: „Wir waren bei den Friedensgebeten. Nach deiner Geburt im September blieb ich zu Hause. Dein Vater war auf dem Ring – mit Angst und Hoffnung auf Veränderung. Überrascht haben wir am 9. November im Fernsehen gesehen, dass die Mauer offen ist!

Wenn dein Kind dich morgen fragt: Was will ich ihm erzählen? Was soll es wissen?

Der 9. November ist ein Tag der Trauer, der Schuld, der Gewalt. Synagogen zerstört, Torarollen verbrannt – dann wurden die Menschen „vernichtet“.

Der 9. November ist ein Tag der Widersprüchlichkeiten. 1989 war nur möglich, weil Menschen sich friedlich für Freiheit eingesetzt haben.

Ich möchte, dass mein Kind weiß,

  • dass uns Judith und viele andere Menschen fehlen.
  • dass es sich lohnt für Freiheit und Demokratie zu „kämpfen“.

Und wenn dein Kind dich heute fragt?

Pfarrerin Angela Langner-Stephan, Ev.-Luth. Kirchgemeinde Leipzig-Lindenau-Plagwitz mit Schwesterkirchgemeinden Bethanienkirchgemeinde/Schleußig und aborkirchgemeinde/Kleinzschocher

Foto: Lehmann