Wenn es keine Antwort gibt

„Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren.“ Dieses einprägsame Zitat aus Lessings Emilia Galotti geht mir immer einmal durch den Sinn, wenn ich von Unglücken erfahre, sei es der Kollaps der Brücke in Genua oder eine ernste Diagnose in der Klinik, oder auch die seelische Not, in die Menschen jeden Alters geraten können.

Es gibt Situationen im Leben, da weiß niemand eine Antwort auf das Warum. Und offen ist auch, wie es weitergeht und was als Nächstes zu tun ist. Das Gefühl, hilflos und ohnmächtig zu sein, ist verständlicherweise schwer auszuhalten. Und dann wählen wir verschiedene Möglichkeiten, die Hilflosigkeit abzumildern und zu umgehen. Wir suchen Erklärungen, Zusammenhänge, Schuldige. Wir mutmaßen und beschwichtigen. Bisweilen ist auch Wut dabei, die an sich berechtigt ist, nur meistens die Falschen trifft.

In vielen Gottesdiensten ist an diesem Wochenende die Frage zu hören: Wer ist mein Nächster? Oder auch: Wem bin ich Nächster? Mitmenschlich zu sein, heißt nicht in erster Linie, Antworten und Lösungen zu wissen. Zuerst ist es das einfache Dabeibleiben, mit Aushalten, und auf diese Weise nahe zu sein. Alle Ausweichversuche und Sprüche bewirken das Gegenteil. Sie schaffen Distanz.

Auch davon erzählt die Bibel: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“, lautet die ausweichende Antwort Kains. Die Geschichte von Kain und Abel beginnt mit einer Situation, in der der eine bevorzugt und der andere benachteiligt wird. Eine Antwort auf das Warum gibt es nicht. Aber die Situation schlägt in Neid um und endet mit Mord.

Nahe bleiben, menschlich bleiben, fair bleiben, auch wenn schwierige Fragen im Raum stehen, ist uns Menschen scheinbar nicht in die Wiege gelegt. Deshalb lädt dieser Sonntag zu einer Besinnung ein, wie wir einander immer wieder zu Nächsten werden können, aber auch, wie schnell wir uns zu falschen Schlüssen hinreißen lassen. Die Erfahrung lehrt, dass Vorsicht vor eiligen Antworten keine Schwäche und Hilflosigkeit kein Dauerzustand ist.

Pfarrer Michael Böhme, Klinikseelsorger im Universitätsklinikum Leipzig

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