Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder

Am 23. Februar ist der 120. Geburtstag von Erich Kästner. 1899 wurde er in Dresden geboren. Er zählte im zurückliegenden 20. Jahrhundert zu den bekanntesten Kinderbuchautoren Europas. Sein Kinderbuch „Emil und die Detektive“ wurde beispielsweise in 59 Sprachen übersetzt und erreichte Millionenauflagen. Andere Kinderbücher wie „Das fliegende Klassenzimmer“, „Pünktchen und Anton“ oder „Das doppelte Lottchen“ waren ähnlich beliebt und wurden inzwischen auch mehrfach verfilmt. Kinder sind in seinen Büchern diejenigen, welche Vieles schnell begreifen und klug handeln. Sie sind  jene, die den Dieb zu fassen kriegen (Emil und die Dedektive); Kinder sind bei Kästner auch jene, welche die Eltern letztlich zur Vernunft und zum richtigen Handeln bringen (Das doppelte Lottchen).

Ich selbst habe nicht nur als Kind immer wieder mal die Kästner-Bücher zur Hand genommen. Zuletzt las ich die Emil-Kriminalgeschichte wieder als es einen Film im Fernsehen zu diesem Thema gab. Und wie das Pfarrern oft passiert: Sie entdecken Parallelen in der Bibel. Hier dachte ich dann immer wieder an den Psalm 8, der auch der Kinder-Psalm genannt wird: „Herr, unser Herrscher, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde. Der du deine Hoheit gebreitet hast über den Himmel. Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge hast du ein Bollwerk errichtet wegen deiner Gegner, um zum Einhalten zu bringen Feind und Rächer.“ (PS 8, 2-4) Das passt, dachte ich mir, als ich dann wieder gespannt die Kinderbande um Emil begleitete, auf der Jagd nach dem Dieb.

Sicherlich, Kästner war eigentlich kein bekennender Christ oder auch ausdrücklich kein religiöser Mensch. Doch vielleicht hat er diesen Psalm doch gekannt. Er passt auf so viele seiner Kinderbücher und Heldengeschichten mit Kindern. Ja, diese Kleinen, aus der Sicht manches Erwachsenen so Unfertigen, noch nicht richtig handelnden Menschen. Diese werden bei Kästner zu Helden, rücken in den Mittelpunkt des Interesses.

„Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er nahm die Kinder in seine Arme, dann legte er ihnen die Hände auf und segnete sie.“ (Mk 10, 15-16) Bei Jesus von Nazareth war es ja ähnlich. Und in der biblischen Zeit spielten Kinder im gesellschaftlichen Leben überhaupt  keine Rolle. Deshalb ist der Psalm 8 auch so bemerkenswert.

Es geht in der Bibel, im Reden und Handeln Jesu, und natürlich auch bei Erich Kästner, um die Beachtung und Ehrung der Kinder als diejenigen, die gern im Alltagsbetrieb übersehen oder bei Seite geschoben werden. Heute nun, an diesem Ehren- und Gedenktag für Erich Kästner sollten wir nicht vergessen, dass eigentlich der hilfe- und schutzbedürftigste Teil von uns Menschen, die Kinder, immer auch selber zu Helfern und Schützern für uns werden können. Und ihre besondere Beachtung könnte für uns lebenswichtig sein.

Pfarrer Thomas Bohne, Liebfrauenkirche in Leipzig-Lindenau

Foto: Lehmann