Wer hat Angst vorm strafenden Gott? 

Martin Luther hatte sie – dass und wie er sie überwand, das feiern protestantische Christen auf der ganzen Welt am Reformationstag, 31. Oktober. Was hat Luther als junger Mönch nicht alles angestellt an frommer Selbstquälerei, um „einen gnädigen Gott zu kriegen“! Sich selbst kasteien wie er es tat: gehört das alles nicht in die Mottenkiste religionsgeschichtlicher Absonderlichkeiten? Wer hat denn heute noch Angst vorm strafenden Gott? Wen treibt denn heute noch die Sorge um, wie er Gottes Ansprüchen gerecht werden kann?

Mir scheint die Angst, nicht zu genügen, keineswegs ausgestorben in unserer heutigen Welt. Was tun moderne Menschen nicht alles, um sich selbst oder anderen oder einem Idealbild zu genügen? Zu welchen Opfern sind sie bereit? Ist die Welt gnädiger geworden, seit die Frage nach dem gnädigen Gott verstummt ist?

Luther hat vor gut 500 Jahren erkannt: Gottes Gnade empfange ich nicht als Trophäe am Ziel religiöser Höchstleistungen. Sie ist schon da, bevor ich etwas leisten kann. Für Gnade setze ich das schlichte Wörtchen „Ja“ und ich wünsche mir, dass die es aufschnappen und glauben, die immer bloß „Nein“ hören im Resonanzraum ihrer Seele. „Nein“ wie „nicht gut genug“. Ich glaube, wenn das „Ja“ ankommt in der Seele, hat einer Kopf und Hände frei zu tun, was getan werden muss, nicht um sich selbst zu beweisen, sondern weil es dran ist, damit das „Ja“ Gestalt gewinnt in gerechten Verhältnissen.

Vor gut 50 Jahren hat einer das getan, der den Namen des Reformators trägt: Martin Luther King.

Ruth Alber
Pfarrerin in der Ev.-Luth. Kirchgemeinde im Leipziger Süden

 

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