Wer Ohren hat

„Wer Ohren hat zu hören, der höre.“ Das ist ein klassischer Satz der Bibel, wie er auch am Sonntag in den evangelischen Kirchen wieder gelesen wird. Als Jugendlicher fand ich die Wortwahl eher merkwürdig. Heute, viele Jahre und Erfahrungen später, weiß ich: Hören meint – über die physische Dimension hinaus – viel mehr.

Da ist einmal das Verstehen gemeint. Den tieferen Sinn herauszufinden. Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Nicht vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Nicht falschem Aktionismus auf den Leim gehen. Allein das ist immer schon ein guter Rat gewesen, besonders aber in sorgenvoll-aufgeregten Zeiten.

Zum anderen sind wir als Einzelne im Blick. Die Signale der Seele und des Körpers hören, bei mir und bei anderen. Zuhören können. In die Stille hören. Spüren, was mich trägt und wofür ich dankbar sein kann. Ebenso, was mir fehlt. In der Krise scheint Letzteres schnell klar zu sein. Aber wie ist es mit dem vorher Genannten?

Und drittens braucht Hören Offenheit. Wer vorher festgelegt hat, was er oder sie hören will, hat einen Filter vorgeschaltet. Dann kann nichts Neues mehr durchdringen. Das widerspricht dem, was Hören meint: Ich lasse von außen etwas an mich heran, „lasse mir etwas sagen“. Zum Grundanliegen des Zuhörens, wie ich es verstehe, gehört Neugier. Neugier auf Lebensgeschichten, Schicksale, auf das was Kraft gibt, uns verändert, durchaus über die Krise hinaus.

Pfarrer Michael Böhme, Seelsorger im Universitätsklinikum Leipzig

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