Wohin wir wachsen könnten
Michael Brugger über Kälte
Ein eisiger Winter liegt in den letzten Zügen. Der Teich im Park nebenan ist seit Wochen gefroren. Die Straßen sind schneebedeckt, vereist oder matschig. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – an mir nagt die Kälte mit der Zeit. Als Wintersportler trotze ich dem Frost mit viel Bewegung, aber früher oder später hilft nur eine heiße Tasse und ein warmes Sofa. Auf Dauer halten wir Menschen es in der Kälte nicht aus.
Die Tyrannen dieser Welt haben die Kälte schon lange für sich entdeckt. Trumps vermummte Kommandos wüten unter der Abkürzung ICE, englisch für Eis. Das russische Militär beschießt gezielt die ukrainische Heizungsinfrastruktur – bei bis zu Minus 24 Grad. Kein warmes Sofa, kein gemütlicher Tee, keine sicheren vier Wände. Nicht nur kaltes Wetter, auch menschliche Kälte nagt an den Nerven und am Leben der Menschen. Weit weg und ganz nah.
Egal ob draußen oder im Zusammenleben, je kälter es ist, umso mehr müssen wir uns anstrengen, um warm zu bleiben. Umso mehr Energie kostet uns das Überleben. Umso mehr sind wir mit uns selbst beschäftigt. Ich sehne mich deshalb nach dem ersten Grün am Boden und in den Bäumen. Wohin es diesen Sommer wieder wachsen wird! Und – ich bin dankbar für jeden Funken Wärme in unserem menschlichen Miteinander. Wohin wir wachsen könnten, wenn wir noch mehr davon hätten.
Michael Brugger ist Krankenhausseelsorger im Klinikum Sankt Georg Leipzig
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Foto: AI



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