Wozu taugt das Christentum?

Alle Jahre wieder wird Weihnachten beschworen: Lieder, Lichter und vielleicht sogar ein Gottesdienst sollen für eine gefühlvolle Stimmung sorgen. Doch Religion will mehr: Im Zentrum steht die Ahnung, dass es etwas Größeres gibt, das unserem Kalkulieren und Verfügen entzogen ist.

Manche Menschen erleben ein religiöses Empfinden, wenn sie staunend unter dem Sternenhimmel stehen. Andere sind unendlich dankbar für die Geburt eines Kindes. Oder jemand spürt, dass er sich in einer bestimmten Situation nicht von Geld verführen lassen darf, sondern fair entscheiden muss. Besonders in der Erfahrung von Freundschaft können einem die Augen dafür aufgehen, dass es einen Mehrwert gibt, der einem gratis zufallen kann. Liebende erfahren etwas „Absolutes“, d.h. etwas, das „herausgelöst“ ist aus der Welt des Machens und Berechnens.

Ist dieses Absolute, nach dem sich Menschen sehnen, dieser Hunger nach Glück und Liebe, nur ein frommer Wunsch, der ins Leere geht? Oder gibt es einen Gott, den wir in unseren Sehnsüchten erahnen und in unseren ehrlichsten Stunden berühren?

Christen und Christinnen feiern an Weihnachten etwas Unglaubliches: Dass Gott sich für unsere Welt interessiert. Inter-esse meint „dazwischen sein“: Gott wird mitten in unserer Welt und Geschichte berührbar. Gott wird Mensch. Er begegnet auf Augenhöhe. Die tiefsten Sehnsüchte finden ein Gegenüber: In Jesus von Nazaret erfahren Menschen, dass ihr zerbrochenes Leben heil werden kann. Ausgegrenzte werden zu Tisch geladen. Die von Angst Gequälten schöpfen neues Vertrauen. Versöhnung erweist sich stärker als Hass und Gewaltlosigkeit, kann Konflikte lösen. Und am Ende des Lebens Jesu zeigt sich, dass das Leben stärker ist als der Tod. Das letzte Wort hat die Liebe.

Wozu taugt das Christentum? Mit dem Leben und der Botschaft Jesu wird die Hoffnung geboren, dass die großen Sehnsüchte der Menschheit keine leeren Träume sind. Frieden und Liebe sind möglich. Sie können allerdings nicht gemacht werden, sondern sind Geschenke, die wir nur empfangen können. In diesen Geschenken zeigt sich, dass Gott uns näher ist, als wir oft glauben. Und vielleicht können wir in den Lichtern und Liedern von Weihnachten etwas von dieser Nähe erahnen.

Andreas Knapp, katholischer Priester und freier Schriftsteller (Leipzig-Grünau)

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