Zusammen ist man weniger allein

Zwei Bücher lagen dieses Jahr bei uns unter dem Weihnachtsbaum. Eher zufällig haben beide viel mit Europa zu tun. „Die Hauptstadt“ ist das buchpreisgekrönte Werk des überzeugten Europäers Robert Menasse. Und trotzdem voller Ironie und Augenzwinkern. Da läuft etwa von Anfang bis Ende des Romans immer wieder ein Schwein durch Brüssel, vorbei an den Büros der Emporkömmlinge und Bürokraten, die Europa verwalten. Es wird aber auch von denen gesichtet, die in der EU einen Garanten für Frieden und Humanität auf dem Kontinent sehen.

Während ich Menasse auf seinem Gang durch die Brüsseler Verhältnisse begleite, liest neben mir meine Frau die neue Biografie des Schweitzer Theologen Roger Schutz. Wie die Europäische Union ist auch seine ökumenische Bruderschaft von Taizé, gegründet 1949, ein Versuch, die Gräben quer durch unseren Kontinent zu überbrücken. Vor allem Jugendliche aus ganz Europa haben diese Botschaft seither gehört, in ihre Heimatländer mitgenommen und gelebt. Zu Tausenden fahren sie auch heute noch jeden Sommer in das kleine Dorf in Burgund. Junge Litauer begegnen jungen Italienern, Spanier Slowaken, Deutsche Polen wie auch vereinzelt Jugendlichen aus anderen Teilen der Welt. Über alle Verständnisbarrieren hinweg tauschen sie sich aus über ihr Leben und ihren Glauben. Gemeinsam singen und beten sie in vielen Sprachen. Taizégebete gibt es mittlerweile in allen größeren Städten unseres Kontinents – natürlich auch in Leipzig.

Wie auch immer organisiert man sich ein geeintes Europa vorstellen mag, welche Institutionen es braucht, worum man sich gemeinsam kümmert, worum lieber allein – darüber lässt sich trefflich streiten. Verständigung und Freundschaft mit nahen und entfernteren Nachbarn in Ost und West aber sehe ich als zutiefst christliches Anliegen. Es liegt der Kirche gewissermaßen in den Genen: als sie vor 2000 Jahren entstand war sie der erste global player der Geschichte. Im Zeitalter des Nationalismus hat sie das mitunter vergessen.

Umso besser, dass sie heute dafür betet und streitet. Jetzt am Montag etwa beim traditionsreichen Friedensgebet 17 Uhr in der Nikolaikirche wie auch mit vielen Partnern bei der anschließenden Demonstration.

Johannes Markert, Pfarrer zur Erteilung von Religionsunterricht im Kirchenbezirk Leipzig

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