Unser Leben gleicht manchmal einem Rummelplatz

In den letzten Tagen sind wir aus dem Feiern ja gar nicht mehr rausgekommen: das Leipziger Stadtfest haben wir gerade hinter uns gebracht. Zeitgleich haben Tausende Gothic-Fans die Stadt auf dem 28. Wave-Gothik-Treffen bevölkert und die Straßen in ein angenehmes Schwarz getaucht, bei dem es viel zu sehen gab. Und auch die Kirchenbesucher kamen nicht zu kurz. In etlichen Pfingstgottesdiensten wurde die Ankunft des Heiligen Geistes gefeiert.

Die Feierei ist das eine. Anstrengend ist es für die, die verantwortlich sind für einen reibungslosen Ablauf der vielen Feste.

Das Leben gleicht dabei manchmal ein bisschen einem Rummelplatz. Dort gibt es Achterbahnen, auf denen es ganz und gar turbulent zugeht. Und so geht es bei uns auch im Leben mal auf- und mal abwärts. Wir verlieren vielleicht etwas die Orientierung, wenn es im Wagen hin- und hergeht und uns der Wind um die Ohren pfeift. Aber wenn wir wieder festen Boden unter den Füßen haben, geht es uns schnell besser.

Beim Autoscooter gerät man schon einmal mit dem einen oder anderen Mitfahrer aneinander. Das passiert auch im Alltag immer mal wieder, dass wir aneinandergeraten. Wir sind nicht immer der gleichen Meinung mit unseren Arbeitskollegen, Freunden oder Familien. Aber das wäre ja auch langweilig.

An den zahlreichen Losbuden sind wir hier und da Versuchungen – und leider auch Enttäuschungen – ausgesetzt. Auch eine Begebenheit, die uns im wahren Leben immer mal begegnet. Gerade, wenn wir ein Risiko eingehen. Da kann dann auch schon einmal eine Niete dabei sein und wir haben uns mächtig verzockt.

Im Riesenrad geht es immer rund. Einmal können wir darin ganz entspannt die Aussicht genießen und ein andermal sind wir ganz unten. Aber das ist nicht schlimm. Wir wissen ja, dass es auch wieder aufwärts geht. Wir sitzen in der Gondel, Menschen steigen ein, gesellen sich dazu und bleiben eine Weile, vielleicht sogar die ganze Fahrt. Und einige steigen wieder aus. Eben wie im richtigen Leben.

Wichtig ist für uns – einsteigen – ob in das Riesenrad, die Achterbahn oder den Autoscooter. Risiken eingehen und Konfrontationen nicht aus dem Weg gehen. Und sich drauf einlassen. Auf das Abenteuer Leben.

Maxi Konang, evangelische Kirchenredakteurin bei HITRADIO RTL und Radio Leipzig

Foto: pixabay

Wir haben die Wahl…

Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche. Jesus hatte seinen Jüngern eine  Kraft „von oben“ verheißen, die sie durchdringen würde, um die Welt in seinem Geiste zu gestalten. Die Jünger erfahren diesen Geist zu Pfingsten als Kraft, die kulturelle und sprachliche Grenzen zu überwinden weiß. Menschen „aus allen Völkern unter dem Himmel“ hören die Jünger in ihren eigenen Sprachen reden. Wie immer, wenn etwas Neues und Unerwartetes geschieht, macht das Angst: Was soll das werden? Sind die betrunken? Zu ungewohnt ist dieses Geschehen, das einen zwangsläufig dazu bringt, sich auf das Andere, Fremde einzulassen – und auf das Verbindende zu achten und nicht auf das Trennende. Der Heilige Geist wird also erst einmal beschrieben als Gegenkraft gegen alle Haltungen, die auf Abgrenzung setzen und betonen, dass etwas oder jemand nicht dazugehöre.

Pfingsten stellt uns vor die Frage: In welchem Geist wollen wir leben und worauf wollen wir bauen: Auf einen Geist der Abgrenzung? Oder auf einen Geist, der sich zunächst einmal um jeden bemüht – und die Nähe zu ihm sucht? Es ist die Frage, wovon wir uns bestimmen lassen wollen, denn meistens findet sich in uns ja beides. An einer anderen pfingstlichen Stelle der Bibel, im 8. Kapitel des Römerbriefs, werden zwei Zugänge zum Leben unterschieden: der „nach dem Fleisch“ und der „nach dem Geist“. Ersterer ist der Versuch, aus sich selbst alles schöpfen zu wollen bzw. Garant seiner selbst zu sein. Bei diesem Weg kommt das Scheitern, Schuldigwerden und Nichtgenügen nicht vor: Es darf nicht sein. Dieser Zugang zum Leben, so Paulus, führt in die Enge bzw. die Angst, die sich abgrenzt – möglicherweise auch von demjenigen mit einem anderen Lebensentwurf. Den anderen Lebenszugang beschreibt Paulus als „Leben nach dem Geist“. Hier ist man überzeugt: Ich muss mich nicht selbst erschaffen. Was mein Leben trägt, ist unabhängig von mir da und ich bekomme umsonst Anteil daran. Paulus sagt: Ihr habt Gottes Geist in Euch, der alles Leben schafft und es jeden Tag erhält. So sind wir immer schon mehr als die, die wir meinen, werden zu müssen. In welchem Geist wollen wir leben? Wir haben die Wahl…

Pfarrerin Britta Taddiken, Kirchgemeinde St. Thomas

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Hörst du mich?

Am Beginn von Rockkonzerten rufen manche Bands dem Publikum zu: „Can you hear me?“ Eigentlich ist das eine unsinnige Frage angesichts leistungsstarker Lautsprechertürme. Aber eine Kommunikation kommt trotzdem zustande. Jenseits von Bühnentechnik spielt die Frage, ob mich jemand hört, eine viel wichtigere Rolle. Wir Menschen wollen gehört und verstanden werden. Besonders in schwierigen Zeiten, wenn zu vieles gleichzeitig passiert, brauche ich jemanden, der zuhört. Dafür muss aber auch Zeit sein. Wenn alle schon wieder weitermachen wie sonst auch, kommt das Zuhören zu kurz.

Der Sonntag zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingstfest markiert eine interessante Situation. Die Jüngerinnen und Jünger leben zwischen Abschied und neuer Vergewisserung. Was bisher getragen hat, die sichtbare Nähe Jesu, hat sich verändert. Und der zugesagte Beistand des Heiligen Geistes ist noch wie ein Versprechen für die Zukunft. Die Zeit jetzt ist eine Zeit dazwischen.

Ich erlebe solche Situationen oft in meiner Arbeit. Eine Krankheit muss behandelt werden, eine Operation steht bevor. So, wie bisher, kann es nicht bleiben. Vielleicht wird es auch danach nicht mehr so sein können wie vorher. Aber wie wird es sein? Die neue Situation ist in diesem Moment eben noch nicht sicher. Es bleibt eine Spannung zurück zwischen Vertrauen, Hoffnung und eben auch Sorge.
Ähnliche Beispiele gibt es viele, von Veränderungen im Privaten bis zu politischen Fragen um soziale Gerechtigkeit und Bewahrung unseres Planeten. Das Vertraute ist brüchig geworden – und da steht die Frage nach Schuld nicht an erster Stelle. Was neu werden muss, steckt noch in der Entwicklung. Wie wird eine gemeinsame Zukunft aussehen? Was kann oder sollte ich jetzt tun? In diesem Moment wäre Innehalten und Zuhören und Gespräch die beste Art, Orientierung zu finden.

Eine Voraussetzung gibt es allerdings: Der Wunsch, gehört zu werden, und selber hörbereit zu sein, bilden einen Zusammenhang. Das eine geht nicht ohne das andere. Im religiösen Sinne ist das die Grundhaltung des Gebetes: Herr, höre mich, wenn ich rufe. Für uns Menschen und unser Miteinander ist es in jedem Fall heilsam, diese wechselseitige Hörbereitschaft immer wieder zu üben.

Pfarrer Michael Böhme, Klinikseelsorger im Universitätsklinikum Leipzig

Bild von Couleur auf Pixabay

Ein Kompliment

„Das war jetzt ein Kompliment von einem echten Atheisten!“, sagte Tim zu mir, als wir letzten Freitag in einer Runde von Jugendlichen zusammensaßen. Wir hatten gerade über die Jugendkirche PAX gesprochen, was wir machen, und wie die Leute dort so ‚ticken‘. Max hatte dazu gesagt: „Das beeindruckt mich, was da passiert.“

Die PAX feiert genau heute ihren dritten Geburtstag unter dem Motto: HIER und NEU. Das HIER erklärt den Ort: Gohlis, gelbe Backsteinkirche. NEU, weil die Kirchenbänke nun heraus sind, und alle auf dem Fußboden sitzen oder liegen können, zum Beispiel beim Schlummerkonzert heute Abend.

Was aber genau hatte Max zu seinem Kompliment bewogen? Die meisten jungen Leute in Leipzig, vermute ich, sind nicht wirklich atheistisch. Sie sind indifferent, gleichgültig dem Glauben gegenüber. Um atheistisch zu sein, muss sich jemand bewusst dagegen entscheiden. Die Jugendlichen kennen Glauben zu wenig, um ihn begründet abzulehnen. Der DDR-Sozialismus hat hier ganze Arbeit geleistet. Bei einer Podiumsdiskussion zum Grundgesetz sagte jetzt ein Jugendlicher: „Ob Gott mit in der Präambel steht oder nicht, ist mir eigentlich egal.“

Max hatte sich schon länger klar gegen den christlichen Glauben entschieden, obwohl er damit groß geworden war. An diesem Freitagabend hatten wir darüber gesprochen, dass wir in der Jugendkirche über das Konzept „Lebenswendefeier“ nachdenken, ein Ritual angesiedelt zwischen Konfirmation und Jugendweihe. Das gefiel ihm. Da wollte er mehr wissen. Das passte wohl zu ihm. Mal schauen, ob er heute Abend kommt. 18:00 Uhr beginnen wir unsere PAX-Geburtstagsparty mit einem PAX Life Gottesdienst. Ist dir, ist Ihnen Glaube eigentlich egal? Sind Sie indifferent? Oder wollen auch Sie mehr wissen? Willkommen in der Jugendkirche oder der Kirche in Ihrem ‚Kiez‘.

Grit Markert, Stadtjugendpfarrerin Leipzig

PAX Jugendkirche, Foto: Maik Kohlsdorf

Kunterbunt und friedlich: auch so geht Europa!

Zwei wichtige Europa-Ereignisse stehen bevor: zum einen die Europawahl. Hier in Deutschland wählen wir am Sonntag in einer Woche das neue Europäische Parlament. Nun kann man aktuell nicht gerade von Europa-Euphorie sprechen: Großbritannien steht kurz vor dem Brexit, in nahezu allen Ländern gibt’s nationalistische Bewegungen und Parteien, die Anti-Europa-Stimmung machen. Außerdem war die Beteiligung an Europawahlen noch nie besonders hoch.

Das andere Euro-Großevent steigt bereits heute Abend (Sa, 18. Mai): das Finale des Eurovision Song Contest (ESC) in Tel Aviv! Nun rollen Sie bitte nicht gleich mit den Augen. Natürlich ist es gewagt, die seriösen, wichtigen Europawahlen mit einem knallig bunten Schlagerwettbewerb in einen Topf zu werfen. Doch ich mache das trotzdem!

Schon die Tatsache, dass die Macher des ESC das mit Europa geografisch nicht so ernst nehmen (Australien und Israel gehören halt dazu), ist mir sympathisch. Dann der Wettbewerb an sich. Es geht um Dreiminutenlieder und wie und von wem sie dargeboten werden. Alles ist möglich: da gibt’s alberne Balkan-Boygroups, transsexuelle Superstars, blonde Schönheiten mit im Windmaschinen-Sturm wallendem Haar und viele mehr. Ob schrill oder konventionell – der ESC ist ein friedlicher Wettbewerb, ein großes Vergnügen, ein schillerndes Beispiel für gelebte Toleranz und Vielfalt; über Kulturen, Religionen, Grenzen hinweg. Dieses wunderbar bunte Europa-Ding begeistert die ganze Welt: der ESC ist die größte Live-TV-Musikshow der Erde.

Was das eine nun mit dem anderen zu tun hat? Nun, ich wünsche mir mehr ESC-Gefühl, wenn es um das politische Europa geht! Dass wir uns öfter erinnern, welchen Schatz wir da haben: dieses Miteinander von einst verfeindeten Staaten. Diese Vielfalt an Kulturen, Ideen, Landschaften, Sprachen, Religionen – und die gemeinsame Sehnsucht nach Frieden und Gemeinschaft.

Bei allem, was man an diesem Europa kritisieren und verbessern kann: für mich ist es eine Freude, ein Geschenk, ja, ein Segen, im geeinten Europa leben zu dürfen! Deshalb gehe ich selbstverständlich am 26. Mai zur Europawahl. Genauso selbstverständlich, wie ich mir heute Abend den herrlich albernen ESC anschaue!

Daniel Heinze, katholischer Kirchenredakteur bei Radio PSR

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150 Jahre – Unterstützung zum Leben in Vielfalt und Würde

Am 2. November 1869, also vor fast 150 Jahren, wurde der „Verein für Innere Mission in Leipzig“ gegründet. Hintergrund waren die zunehmenden sozialen Probleme in der Zeit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts. Arbeitslosigkeit, oft existenziell bedrohliche Armut, Perspektivlosigkeit, ja manchmal wirkliches Elend nahmen massiv zu. Die Gründerinnen und Gründer der „Inneren Mission“ erkannten, dass hier gehandelt werden muss. Ihre christliche Lebensgrundhaltung gebot ihnen, sich ihrer hilfesuchenden Mitmenschen anzunehmen.

Inzwischen ist vieles anders geworden. Der vor 150 Jahren gegründete Verein, das heutige „Diakonisches Werk Innere Mission Leipzig“, ist mittlerweile in vielen Arbeitsfeldern tätig. Dazu kommen noch Aktivitäten weiterer diakonischer Träger, vieler Kirchgemeinden, aber auch von vielen ehrenamtlich engagierten Personen.

Es ist erfreulich zu sehen, wie viele Menschen auf unterschiedliche Weise diese Arbeit und damit Mitmenschen unterstützen, wenn das nötig ist.

Die wichtigste Grundlage war und ist dabei die Haltung zu Mitmenschen, welcher Herkunft sie auch sind, in welcher Lebenslage sie sich befinden, welche Religion oder welche Grundvorstellungen vom Leben sie haben: Jeder Mensch hat eine Würde, die ihm nicht genommen werden darf. Dies ist eine zutiefst christliche Grundhaltung. Auch in unserem Grundgesetz ist dieser Gedanke verankert.

In wenigen Tagen haben wir die Möglichkeit zu wählen. Dabei können wir entscheiden, wie sich in Zukunft auf europäischer und ebenso auf kommunaler Ebene die grundlegenden Rahmenbedingungen entwickeln, unter denen unter anderem auch soziale Arbeit stattfinden wird. Ich hoffe, dass es angesichts starker weltpolitischer Veränderungen auch in Zukunft gelingt, dass Menschen in Würde leben können, dass sie auch weiterhin Unterstützung zum Leben bekommen, wenn das notwendig ist.

Die Geschichte der Diakonie sowie die Besinnung auf die tragfähigen christlichen Wurzeln der diakonischen Arbeit machen Mut und lassen mich zuversichtlich sein, dass wir eine möglichst solidarische Gesellschaft von morgen gestalten können. Wir sollten alles uns Mögliche dazu tun.
www.diakonie-leipzig.de

Pfarrer Christian Kreusel, Direktor des Diakonischen Werkes Innere Mission Leipzig e.V.

Armut – sowas von UNVERSCHÄMT!

Darf man in einem wohlhabenden Land wie dem unseren davon sprechen, dass Menschen in Armut leben? Oder ist das unverschämt im Angesicht des Elends, dass es in anderen Ländern gibt? In Deutschland muss niemand verhungern, während in den ärmsten Ländern der Welt Hungersnöte zu Krankheit und Tod führen. Wie ist es bei uns: Gibt es eine wirkliche Not oder ein tatsächliches Elend?

Uns geht es gut! Ja, und trotzdem leben Menschen in unserer Gesellschaft am Existenzminimum. Aus verschiedenen Gründen abgerutscht in ein Hilfesystem, das die schlimmste Not lindern soll. Aber was bedeutet es, wenn ich nicht nur ein paar Monate, sondern jahrelang von Hartz IV leben muss? Wir treffen in unserer Beratungsstelle täglich auf Menschen, die verzweifelt sind, weil Ihnen (nicht nur) die finanzielle Not zu schaffen macht. Ihr Leben ist geprägt vom dauerhaften Mangel an unentbehrlichen Gütern, die zu einem halbwegs „normalen“ Leben dazugehören. Sie spüren am eigenen Leib Benachteiligung in unterschiedlichen Lebensbereichen wie Arbeit, Wohnen, Freizeit und Sport. Und sie sind ausgeschlossen von sozialer Teilhabe und (guter) Bildung. Langfristige Armut kann zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen und auch zur Verkürzung der Lebenserwartung führen. Und letztlich bedeutet ein Leben in Armut der Verlust an gesellschaftlicher Wertschätzung und damit einhergehend oftmals auch der Verlust des eigenen Selbstwertgefühls.

Die Menschen, die bei uns Hilfe suchen, haben sich nicht für dieses Leben entschieden. Viele von ihnen gehen einer Erwerbstätigkeit nach. Sie verdienen aber nicht genug, um ihren Lebensunterhalt oder den der Familie bestreiten zu können. Es zeigt sich, dass Armut in erster Linie kein selbstverschuldetes Schicksal ist, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. In unseren Beratungen können wir gemeinsam an den individuellen Lebenslagen arbeiten und nach Wegen aus der Betroffenheit suchen. Die gesellschaftliche Aufgabe geht darüber hinaus: Wir müssen Bedingungen schaffen, in denen z.B. Arbeit ausreichend entlohnt wird und in denen Kinder kein Armutsrisiko mehr darstellen. In diesem Sinne: Bleiben wir UNVERSCHÄMT!

Herzliche Einladung zum Friedensgebet der KEL am Montag, den 06. Mai 2019, 17 Uhr, in der Nikolaikirche.

Marco Ringseis, Geschäftsführer der Kirchlichen Erwerbsloseninitiative Leipzig

Foto: Kirchliche Erwerbsloseninitiative Leipzig

Offene Arme

Wir gehen auf ganz unterschiedliche Art und Weise aufeinander zu: Wir können Menschen mit freundlichem Blick anschauen. Wir können sie mit offenen Armen willkommen heißen, ihnen einen Schritt entgegengehen, die Hand reichen. Aber wir können auch die Arme vor der Brust verschränken oder die Hände in den Taschen stecken lassen. Wir können die Hand zur Faust ballen oder sogar zuschlagen. Wie schön ist es, wenn ein Kind mit strahlenden Augen und Leidenschaft in die offenen Arme eines Erwachsenen läuft. Wie wohltuend ist es, wenn auch Erwachsene sich willkommen fühlen. Wenn da jemand offen ist, wertschätzt, ermutigend auf die Schulter klopft oder sogar freundschaftlich in den Arm nimmt.

Die Bibel erzählt davon, dass Gott zu den Menschen kommt. Wie Jesus mit den Menschen umgegangen ist, daran sehen wir, wie Gott uns Menschen sieht und mit uns Menschen umgeht. Jesus war jemand mit offenen Armen. Schon Kinder hat er in die Arme genommen. Das war den Leuten um ihn herum peinlich. Er hat es bewusst getan. „Lasst die Kinder kommen“ hat er gesagt. Und er hat noch ganz andere mit offenen Armen begrüßt: Einfache Leute, Menschen am Rande und auch solche, die es nicht verdient haben.

Wie gut, wenn die Arme und das Herz offen sind für ganz normale Menschen und für die Besonderen. Wenn niemand stört oder peinlich ist: Keine Armen und keine Reichen, keine Klugen und keine Einfachen, keine Behinderten und keine besonders Begabten, keine Gesunden und keine Kranken. Wie können wir offen auf Menschen zugehen? Wir müssen Vertrauen wagen, davon ausgehen, dass sie uns nichts Böses wollen, den ersten Schritt auf sie zu machen, die Hand reichen. Nicht wegstoßen, verurteilen und ablehnen, sondern offen begegnen und annehmen. So laden wir andere ein, dass sie auch uns vertrauen, sich anvertrauen, sich öffnen. So sind wir inklusiv statt exklusiv.

Nehmen wir einmal an, wir begegnen jemandem mit offenen Armen. Gleich heute. Einen Menschen, den wir im Laufe des Tages treffen. Einen, der uns vielleicht geärgert hat. Einen, der uns unterbricht oder stört. Einen, der uns befremdet. Wagen wir den kleinen Schritt der offenen Arme.

Pfarrer Dr. Volker Klein, Theologischer Dienst des Berufsbildungswerkes Leipzig und in Philippus Leipzig

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