Augen zu, um zu sehen!

“Um hier etwas zu sehen, müsst Ihr Eure Augen ganz fest zu machen!” Ein merkwürdiger Rat, den uns der Stadtführer in Jerusalem da gab. Ausgerechnet hier, in Jerusalem, der Hauptstadt von gleich drei Weltreligionen, sollen wir die Augen schließen? Wir waren gerade unterwegs auf der Via Dolorosa in der Innenstadt; hier soll Jesus einst nach seiner Verurteilung sein Kreuz durch die Straßen geschleppt haben.

Und wir sollen hier die Augen zu machen? Natürlich sagte unser Guide das ganz bewusst und mit einem Lächeln. Denn ob das hier wirklich genau der Kreuzweg von Jesus war? Wohl kaum, liegt die Stadt heutzutage doch gut zehn Meter höher als zu Lebzeiten Jesu. Ich bin wirklich nah dran am historischen Ort, aber so genau, wie ich als wissbegieriger Tourist das gerne hätte, eben auch wieder nicht.

Aber – kommt es darauf überhaupt an? Wer nach Jerusalem fährt, “auf den Spuren Jesu“ reist, geht auf keinem einzigen Stein mehr, auf dem auch schon Jesus lief. Dennoch wird die Bibel für ihn greifbarer: durch Bauwerke, Gerüche, die Kultur, die Menschen, das Wetter. Ich kann ganz viel lernen und verstehen – mit allen Sinnen, nicht nur durch das Sehen.

Übrigens funktioniert das mit den geschlossenen Augen nicht nur in Jerusalem. Auch im Alltag lohnt es sich, immer mal ganz bewusst die Augen zu schließen: um dadurch klarer zu “sehen”, worauf es in meinem Leben ankommt.

Von Daniel Heinze, kath. Kirchenredakteur Radio PSR

 

Foto: Birgit Arndt (fundus-media)

Gefragt und gewagt

„Na, wie geht’s?“ Lange haben wir uns nicht gesehen, einige Jahre wohl. Aber wir erkennen uns auf dem Gehweg schon von weitem. Schritt für Schritt kommen wir einander näher. Eilig überlege ich, was ich jetzt sagen soll. Als wir noch zwei oder drei Meter auseinander sind, höre ich diese Frage, knapp und schnell gesprochen. Sie wird ein bisschen zu früh gestellt, finde ich. Es kommt mir vor wie ein Wettlauf. Wer die drei Worte zuerst ausspricht, kann sich absichern, in Ruhe nachdenken und gewinnt Zeit. Oft liegt unter der hastig ausgesprochenen Frage: „Frag bloß nicht mich.“ Zugleich schwingt Neugier mit: „Wer bist du?“ Da stehe ich nun und muss antworten. Was war wichtig und was unwichtig in letzter Zeit? Welcher Grad Intimität ist angemessenen? Wieviel will ich preisgeben? Die ehrliche Antwort auf die Frage „Wie geht’s?“ ist immer auf Vorschuss. Die Tür zum Herzen geht auf ohne Sicherheit. Wer sich das traut, der vertraut. Was dann geschieht gleicht einer Bewegung, die in der Bibel an einigen Stellen zu finden ist. Dort rufen und antworten Mensch und Gott einander ganz ähnlich. Im folgenden Gespräch wächst neues Leben. Die Frage „Wie geht’s?“ macht munter. Weil sie vermuten lässt: hier möchte mir jemand näherkommen. Unerwartet öffnen sich Wege zueinander, wenn die Frage so gehört wird.

von Lüder Laskowski, Pfarrstelle für „Kirchliche Arbeit in neuen Stadtquartieren“

 

Foto: Pixabay

Zwei Minuten – Tag für Tag mehr Licht

Tag für Tag zwei Minuten mehr Licht! Oder auch drei: Heute geht die Sonne eine Minute früher auf als gestern, zwei Minuten später unter.

Morgen und übermorgen ist es wieder zwei oder drei Minuten länger hell, und über-übermorgen nochmal!

Seit Weihnachten ist täglich schon wieder fast eine halbe Stunde Tageslicht dazugekommen. Das Fest steht für die Hoffnung auf neues Licht in dunkelster Zeit – für Christen durch die Geburt von Jesus, von Gottes Sohn, der Licht und Heil in die Welt bringt.

Und mehr noch: Jesus sagt nicht nur “ich bin das Licht der Welt”, sondern sogar: „Ihr seid das Licht der Welt!“ – also ihr könnt die Welt ein bisschen heller machen. Hört und schaut mal her: so kann es gehen!

Das funktioniert nicht auf einen Schlag. Stück für Stück aber lebt Jesus Beispiele vor und gibt Anleitungen dafür, indem er von Nächstenliebe, Vertrauen, Versöhnung erzählt.

Manchmal sind es kleine Lichtblicke, ähnlich wie zwei Minuten auf den ganzen Tag gerechnet; oder sie sind durch graue Wolken nicht gleich zu entdecken. Erst in ein paar Wochen ist zu sehen, wie hier und da etwas Klitzekleines neu sprießt und groß wachsen kann.

Auch wenn Lichtblicke kleine Fünkchen sind: sie sind da! Und es können immer mehr werden – bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit!

von Friederike Ursprung, evangelische Kirchenredakteurin bei Radio PSR

 

Foto: Lotz (gemeindebrief.evangelisch.de)

Im Blick

Ich mag Checklisten. In aller Ruhe zu planen. Eins nach dem anderen. Gut vorbereitet zu sein. Zugegeben: Die vergangenen Jahre eigneten sich nicht so gut dafür. Sie waren zu unübersichtlich. Unvorhersehbares wirbelte manches durcheinander.

Im neuen Jahr bleibt mir sicherlich meine Art, vorausschauen, abwägen, sichern zu wollen. Allerdings ergänzt mit der Erfahrung, dass vieles dennoch ganz anders kommen kann. Die Hoffnung auf Normalität erscheint inzwischen als naiv. Es wird wohl unübersichtlich bleiben.

Meine Hoffnung? Ich halte mich daran fest, dass Gott mitten im Trubel unsere Nähe sucht. Ansprechbar bleibt. Durch dick und dünn mitgehen will. Trotz meiner Neigung, alles allein schaffen zu wollen. Aber – ich glaube darauf kommt´s an – nicht ohne oder gar gegen ihn.

Für 2023 ist übrigens ein Bibelwort ausgewählt worden, auf dass sich diese Zuversicht beziehen kann: „Du bist ein Gott, der mich sieht“. (1. Mo. 16,13)

von Wolfgang Menz

 

Foto: Lotz (gemeindebrief.evangelisch.de)

„Von guten Mächten wunderbar geborgen…“

Wie gehen Sie ins neue Jahr? Welche Gedanken und Gefühle liegen obenauf? Viele Menschen stehen mir in diesen Tagen vor Augen. Eine ukrainische Familie, die sich freut, endlich eine eigene Wohnung beziehen zu können. Eine Frau, die verunsichert auf den nächsten MRT-Termin wartet. Ein junges Paar, das freudig auf die Hochzeit im Sommer zufiebert. Ein Senior, der gelassen und zufrieden in die Zukunft schaut. Eine alleinerziehende Mutter, die mit großen finanziellen Sorgen ins neue Jahr geht. In mir selbst nehme ich widerstreitende Gedanken und Gefühle wahr: Dankbar und sorgenvoll, zuversichtlich und vorsichtig.

Am Silvesterabend werden wir in der Kirche wieder das Lied von Dietrich Bonhoeffer singen, das er im Gefängnis kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges dichtete: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag.“

Das Lied singt von einem zärtlichen und kraftvollen Vertrauen. An Weihnachten feiern wir, dass Gott in Jesus Mensch wurde. Gott ist bei uns, ganz nah und persönlich. Im Vertrauen darauf wächst Mut zum Leben, für das neue Jahr und jeden neuen Tag. Ich lade sie ein, in das Lied mit einzustimmen. Gemeinsam singt und vertraut es sich leichter in herausfordernden Zeiten.

Im Namen des Autorenteams wünsche ich Ihnen einen versöhnten Abschluss des alten Jahres und ein gesegnetes neues Jahr 2023.

Pastor André Krause, Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Leipzig (Baptisten)

Foto: Lotz

Stille Nacht, heilige Nacht?

Gehören Sie zu den Menschen, die Heilig Abend in die Kirche gehen? Und wünschen Sie es sich, dass bei „Stille Nacht“ das große Licht ausgemacht wird und nur noch die Kerzen leuchten? Vielleicht gehen Sie in die Kirche wegen der Kinder oder Enkelkinder, weil sie beim Krippenspiel mitspielen. Oder die Menschen, die neben Ihnen sitzen, kommen, weil es irgendwie dazu gehört, an früher erinnert. Da war doch mal etwas, etwas Schönes. Oder Menschen gehen an diesem Tag in die Kirche, weil da hoffentlich noch so ein bisschen was von heiler Welt ist. Ahnen Sie, dass das eigentlich gar nicht so ist? Maria bekommt ein uneheliches Kind. Was das damals in der Gesellschaft bedeutet hat? Schwanger vom Geist Gottes? Joseph möchte am liebsten abhauen, so erzählt es die Bibel, die Situation hinter sich lassen. Gar nicht so heilig, dass „traute hochheilige Paar“. Und damit vielleicht gar nicht so weit entfernt davon, wie es in manchen Familien von uns am Heiligen Abend aussieht. Und doch ist es in diesem Stall irgendwie heilig. Weil Gott mit da ist. In diesem Kind in der Krippe. Dort, wo Gott ist, ist etwas heil, kann etwas heil werden. Also, kommen Sie morgen in die Kirchen. Und lassen Sie uns zusammen singen: „Stille Nacht, heilige Nacht“. Licht dabei aus ist in diesem Jahr doch super passend. Eine gesegnete, frohe Weihnacht!

von Grit Markert, Pfarrerin im evangelisch-lutherischen Alesius-Kirchspiel im Leipziger Osten und Coach

 

Foto: Luca Peter (fundus-media)

Weihnachtliche Ausrufezeichen – solche und solche

Alle Jahre wieder ist die Weihnachtszeit auch Zeit der Ausrufezeichen:

Sparen Sie Kalorien beim Weihnachtsmenü!

Erst essen, dann Bescherung!

Jetzt komm doch mal weg von deinem Videospiel!

Wie kann man nur Heiligabend Vormittag noch einkaufen – sowas plant man doch vorher!

Als wären diese Wochen nicht gerade anstrengend genug: Jahresend-Stress im Job, Festvorbereitung, Weihnachtsfeiern hier und da, dran denken, dass es die Oma aber immer schon so gemacht hat – und dass sich der Bruder bloß nicht übergangen fühlt!

Traditionen im Advent und zum Weihnachtsfest sind wunderbar. Wenn sie einen Rahmen für Weihnachtsfreude schaffen – und nicht als Checkliste kommen, die jetzt auch noch abgehakt werden muss.

Zu Weihnachten freuen sich Christen, dass ein Kind geboren ist. Ein Kind, das in einem Notquartier in einer Futterkrippe liegt. Geboren in eine Welt, in der vieles nicht in Ordnung ist – und festlich schon gar nicht.

Bestimmt hätten sich die Eltern das anders gewünscht. Aber Hauptsache, das Kind ist da!

Und die Engel auf dem Feld sagen natürlich nicht:

Räumt hier doch mal auf!

oder: Zieht endlich mal was Ordentliches an!

oder: Passt auf, dass die Gans richtig gerät!

Die sagen: Ehre sei Gott! Friede auf Erden! Und als erstes, mit großem Ausrufezeichen: Fürchtet euch nicht! Freut euch!

von Friederike Ursprung, Kirchenredakteurin Radio PSR

 

Foto: Birgit Arndt (fundus-media)

Halbzeit im Advent: Freut euch!

In diesem Jahr erleben wir einen XXL-Advent: brennt die vierte Kerze, dauert es nochmal eine volle Woche bis Weihnachten. Mit dem dritten Adventssonntag an diesem Wochenende ist also gerade mal die Hälfte des Weges geschafft. “Gaudete” heißt der dritte Advent, die Halbzeit, im “Kirchensprech”. Das ist Latein und bezieht sich auf den Ruf, mit dem am Sonntag der Gottesdienst beginnt: “Freut Euch (im Herrn zu jeder Zeit)!”

Mitten im Advent, in der Zeit des Wartens, steht also eine optimistische, hoffnungsvolle Aufforderung. Noch ist es nicht soweit. Jesus ist noch nicht geboren, Gott noch nicht als Mensch in der Welt. Und was für eine Welt das ist! Kriege hier, Naturkatastrophen dort, Hunger, soziale Ungerechtigkeiten – wie soll ich da zuversichtlich nach vorne schauen? Auch ist diese Freude auf Weihnachten kein magischer Zauberspruch: Hex, hex, ist dasliebe Jesulein erstmal da, wird wie von selbst alles gut?! Das funktioniert nicht.

Mich “zu jeder Zeit im Herrn zu freuen” übersetze ich für mich so: Mach weiter damit, die Welt zu gestalten! Mach sie besser, freundlicher, gerechter; durch dein Leben, dein Tun! Denn du hast guten Grund dazu! Du darfst darauf vertrauen, dass Gott dich dabei nicht allein lässt.

Für mich ist dieses “Gaudete” die perfekte Motivation für den zweiten Teil meines Weges hin zum Weihnachtsfest. Eine schöne Advents-Halbzeit wünsche ich!

von Daniel Heinze, Rundfunkjournalist

FUNDUS: Foto Lutz Neumeier

Weg ist er. Aber er war es wieder!

Tatzeit:       die Nacht auf den 6. Dezember.

Spuren:      Geschenke auf dem Fensterbrett.

Täter:          Alles deutet auf St. Nikolaus hin.

Zeugen:      Kein Mensch. (Lediglich die Eltern lächeln so vielsagend.)

Der Brauch, zum 6. Dezember Geschenke aufs Fensterbrett oder in einen Schuh zu legen, geht auf die Legende vom Heiligen Nikolaus zurück. Um einer Familie aus der Not zu helfen, warf der ihnen Geld durchs Fenster. Anonym. Ohne Dank zu erwarten. Wahrscheinlich war es ihm genug, dass im Himmel darüber gelächelt wird. Und Menschen praktische Hilfe erfahren, ohne einem „Täter“ zu Dank verpflichtet zu sein

Wie gut, dass es solche Leute gibt. Möglicherweise gehören auch Sie zum Täterkreis, der

… Geschenke in den Stiefel füllt – einfach nur so, um Kindern oder Nachbarn eine Freude zu bereiten.

… das Straßenmagazin „Kippe“ kauft – damit zu Obdachlosen oder Bedürftigen steht.

… eine Spende überweist – für die es ja Anlass und noch immer Möglichkeiten gibt.

Heilig nennt man den Nikolaus, weil es ihm offensichtlich genügte, dass Menschen Hilfe erfahren. Und im Himmel vielsagend darüber gelächelt wird.

von Wolfgang Menz, Sozialpädagoge, der sonntags in die Kirche geht

 

Foto: Kirchenbezirk Leipzig