Sonnenstrahlen sammeln

Die Christen in Leipzig wünschen den Leserinnen und Lesern der LVZ einen gesegneten Sonntag: dass Sie Pause machen können von den Anforderungen der Woche, Gedanken und Gemüt zur Ruhe kommen, Sie Zeit für manches haben, was Ihnen zum Ausgleich dient, und dass Anregungen und Begegnungen Ihr Wochenende füllen, die Sie für den Alltag der neuen Woche beflügeln.

Das wünschen wir Ihnen, weil wahre alte Worte in der jüdischen und christlichen Bibel erzählen: Als der Mensch auf die Bühne der Welt tritt, da ist das Erste, was Gott ihm gibt, ein freier Tag, Feiertag. (Das sollte mal ein Arbeitgeber fertigbringen: Dienstbeginn mit „frei“.) Zeit soll der Mensch haben für die Schönheiten der Welt, für das Zusammensein mit dem Partner, der Partnerin, der Familie und Freunden. Die Gedanken soll er frei haben für Bilder, ein Buch und die Musik. Und Gelegenheiten, uns zu besinnen, was als nächstes dran ist, das sind unsere freien Tage auch. Damit wir uns nicht kopflos in unsere Aufgaben stürzen. Damit wir erkennen, ob wir wohl manches besser machen können, als es zuletzt gelaufen ist. Damit wir das Gute möglichst gut tun. Damit wir zur Klarheit gelangen und uns für das Lebensfördernde, Menschendienliche einsetzen. Darum beginnt die Menschheitsgeschichte in der Bibel mit dem Ruhetag. Schauen, hören, staunen, nachdenken als „Tun“ vor aller Tat.

Die Bibel gibt uns dafür ein gutes Vorbild: Gott. In der Schöpfungserzählung lesen wir: Mit dem Menschen auf der Erde – das befand Gott für gut und vollendete die Schöpfung, indem er einen Tag ruhte und diesen Tag segnete… Fast zum Schmunzeln, wenn wir uns das vorstellen: Gott ruht. Die Bibel erzählt das so bildhaft, damit wir mit Freude auf dem Gesicht Gottes Vorbild folgen.

Die Schüler und Schülerinnen haben Ferien. Viele unserer Mitbürger können in den Herbstferien noch einmal Urlaub machen – Zeit für das Sammeln von Kräften und guten neuen Eindrücken. Die brauchen wir doch so! – Ich denke an die tiefsinnige Geschichte „Frederick“ von Leo Lionni – eine Mäusejunge, der im Herbst, als alle anderen Mäuse Körner sammeln, auf einem Stein sitzt und Sonnenstrahlen, Farben und Wörter sammelt. Warum und wozu? Lest selbst; Ihr findet die Geschichte bestimmt irgendwo.

Pfarrer Dr. Michael Kühne,
Theologischer Geschäftsführer Diakonissenkrankenhaus Leipzig, Rektor DH-Leipzig

Foto: Lotz

Schaffet Recht dem Armen und der Waise und helfet dem Elenden und Dürftigen zum Recht. (Psalm 82,3)

Recht schaffen und vor der Not nicht die Augen verschließen, dazu ruft uns unser Glaube auf. Die biblischen Worte für Recht und für Recht schaffen nähern sich dabei dem an, was man als Heil umschreiben kann. In der Bibel steht das Wort Recht nicht selten neben dem Wort „Schalom“ – Heil –, welches das gute Leben, die Fülle des Lebens bezeichnet. Beim „Recht schaffen“ geht es darum, dass Recht wiederhergestellt wird und ein gestörter Zustand zu Recht kommt. Menschen sollen untereinander oder mit Gott versöhnt und wieder zusammengebracht werden. Es geht um das Zusammenleben in der einen Welt. Der Glaube will Mut machen, dafür auch Raum zu schaffen. Wie kann es in dieser Welt mit Recht zugehen, wenn einem großen Teil der Menschen Unrecht zustößt?

Wie aber kann Recht geschaffen werden? Moralische Aufrufe allein reichen nicht. Es braucht auch rechtliche Grundlagen und Rechtssicherheit, die sich dem nähern, was im 82. Psalm ausgesprochen wird.

Die italienische Waldenserkirche wurde im September 2019 gemeinsam mit anderen Partnern mit dem regionalen Nansen-Preis des UNHCR für die sogenannten „Humanitären Korridore“ ausgezeichnet. Diese ermöglichen, dass besonders verletzliche geflüchtete Menschen auf sicherem Wege Schutz in anderen Ländern finden – ohne Schlepper, ohne gefährliche Überfahrt. Die Waldenserkirche und ihre ökumenischen Partner haben vorgemacht, wie das geht. Die neu gewählte Moderatorin der Waldenserkirche, Alessandra Trotta, sprach vor Kurzem vor der Hauptversammlung des Gustav-Adolf-Werks in Deutschland und betonte: „Wo Menschenrechte verletzt werden, wird auch die Menschenwürde infrage gestellt. Es ist heutzutage schwieriger geworden, diese Erkenntnis zu vermitteln. Aber es lohnt sich, den falschen Narrativen des Populismus, die die Welt in ‚wir‘ und ‚ihr‘ teilen, etwas entgegenzusetzen. Wir müssen Recht schaffen, dem Recht Raum geben und nicht den ‚Rechten‘.“

Dazu sind wir alle aufgerufen, die Rechte aller Menschen zu achten und unser Möglichstes zu tun, um zu helfen. Der Glaube will dafür den Blick weiten und weiß, dass wir alle letztlich bedürftig sind und angewiesen auf Hilfe.

Pfarrer Enno Haaks, Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werkes

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Lebensmittel im Angebot

Am kommenden Sonntag zieht wieder viel Erntedankromantik in unsere Kirchen ein. Festlich geschmückte Altäre, Erntekronen, fröhliche Kinder mit Körbchen voller Äpfel sowie allerlei anderer Lebensmittel. Einmal im Jahr wird Überfluss zur Schau gestellt. Oder steckt mehr dahinter? Das Erntedankfest will uns zu zweierlei ermutigen – Danken und Teilen.

Betrachten wir die essbaren Lebensmittel, so haben wir trotz zweier Hitzesommer mit mäßigen Ernten Grund genug zum Danken. Brot wird hier bei uns nur unwesentlich teurer. Unsere Ausgaben für Essen und Trinken sind, gemessen am zur Verfügung stehenden Gesamteinkommen sehr gering – gerade einmal 10 %. Trotzdem gibt es Familien, Alleinerziehende oder Einzelne, die nur schwer über die Runden kommen und darauf angewiesen sind, Lebensmittel möglichst preiswert kaufen zu können.

Deshalb ist der zweite Aspekt genauso wichtig. Wir dürfen uns an das Teilen erinnern lassen. Und damit ist nicht die Tüte Mehl als schmückendes Beiwerk für den Erntedankaltar gemeint, sondern echtes Teilen, um anderen Menschen nachhaltig zu helfen. Das kann beim Geld anfangen und sich über bewussteres Einkaufen der Lebensmittel bis hin zum Zeitteilen erstrecken.

Wer ernten will, muss zuvor ausgesät haben. Im landwirtschaftlichen Bereich ist das für alle sofort einleuchtend. Schauen wir in unsere Gesellschaft, sieht es doch etwas anders aus. Vieles wird für selbstverständlich erachtet – Freiheit, Demokratie, Versorgung durch den Staat. Solche Fürchte können nur wachsen, gedeihen und geerntet werden, wurden sie zuvor gesät und gepflegt. Im dreißigsten Jahr der Friedlichen Revolution tut es gut, sich vor Augen zu halten, was gewachsen ist und wie viel Pflege Demokratie braucht. Gesät wird nicht nur einmal, sondern jede Saison neu. Weil wir ernten, was wir aussäten und dafür die Konsequenzen zu tragen haben, ist es notwendig, immer wieder den Anfang zu wagen. Dabei begleitet uns die Hoffnung auf Gottes Segen.

Ein dritter Gedanke zum Schluss: Wir leben auch von anderen Lebensmitteln. Für mich als Christ ist solch ein Lebensmittel die mir gratis zugedachte Liebe Gottes in Jesus Christus. Er sagt von sich: „Ich bin das Brot des Lebens“! Das gibt es in keinem Supermarkt und ist doch täglich verfügbar.

Ein gesegnetes Erntedankfest wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Martin Hundertmark, St. Thomas zu Leipzig.

Erntedankaltar, Foto: epd Bild

#AllefürsKlima!

Nanu? Es ist doch noch gar nicht um 12 Uhr? Warum läuten den die Mittagsglocken? An vielen Orten war es gestern 5 vor 12, als die Glocken zum Gebet mahnten. Ein Beitrag zum globalen Klimastreik und eine Solidarisierung mit der Bewegung Fridays for Future. (kirchen-fuer-klimagerechtigkeit.de)

Der ehemalige Umweltminister Klaus Töpfer ermahnte jüngst die Politik in seiner Dankesrede anlässlich der Preisverleihung des Staatspreises des Landes Nordrhein-Westfalen. Für eine wirkliche Veränderung reichen Instrumente der Wirtschaft, wie der Emissionshandel nicht aus. Die Politik solle mit ihren Mitteln, also den Instrumenten der Ordnungspolitik handeln. Töpfer zitiert: „Es fehlt uns heute der politische Langmut, Prozesse wirksam in Gang zu setzen, die nur Opfer abverlangen und von denen erst unsere Kinder und Kindeskinder Nutzen haben werden.“ Das solle man sich in Stein meißeln lassen.

Prozesse brauchen langen Mut. Erst recht so tief greifende Transformationsprozesse, wie sie notwendig sind, um dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen. Dazu braucht es nicht weniger als eine veränderte Lebenshaltung. Wir können die Welt nicht länger nur benutzen, weil sie uns zum Leben nützlich ist. Für Christinnen und Christen ist die Erde Gottes Schöpfung. Daran erinnern wir zum Beispiel in den kommenden Wochen mit der Feier des Erntedankfestes in den Kirchgemeinden.

Für den Wandel braucht es die Kraft der ganzen Gesellschaft, jeder Bereich trägt auf seine Art bei. Die Politik nicht mit Instrumenten der Wirtschaft, die Kirche nicht mit der Macht der Politik. Vielleicht sollten wir ein 11. Gebot in Stein meißeln lassen. Etwa das Gebot „Du sollst keine Plastikverpackung kaufen“, das mir meine Tochter entgegenschleudert, wenn ich wieder einmal unachtsam eingekauft habe. Haltungen verändern sich dauerhaft nur durch Einübung und ständige Erinnerung, durch gebetsmühlenartiges Wiederholen:

„Guter Gott, erinnere uns, dass wir die Erde nur von Dir geliehen haben und sie unseren Kindern weitergeben werden, damit auch sie ein Leben in Fülle der Schöpfungsgemeinschaft leben können. Amen.“

Pfarrer Christoph Maier, Ev.-Luth. Bethlehemgemeinde Leipzig

Foto: Okapia

 

Gemeinsam für das Leben

Jesus blickt nicht auf den rechten oder unrechten Glauben des Menschen, sondern auf sein Tun – das ist für mich die Botschaft des Wochenspruchs aus dem Matthäus-Evangelium: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt. 25, 40b). Das Gleichnis vom Himmelreich in Kapitel 25 provoziert mich, die Schubladen „der gehört zu uns“ und „das ist ein Fremder“ zu überwinden. Die tätige Liebe gegenüber demjenigen, der von der Mehrheit ins Abseits gedrängt hungrig und durstig lebt, fremd vor der Tür steht, nackt sein Leben fristet, krank an der Seite liegt und im Gefängnis aus den Augen aus dem Sinn ist – diese tätige Liebe weist den Weg ins Himmelreich.

Der Terroranschlag vom 11. September 2001, der sich vergangene Woche zum 18. Mal jährte, hat unsere Welt verändert. Samuel Huntingtons Buch „Zusammenprall der Zivilisationen“ aus dem Jahr 1996 scheint wie eine Prophezeiung der Zeit nach 2001 zu sein. Allerdings ist mir auch hier mit Bezug auf Friedrich Nietzsche die Erkenntnis wichtig, dass Geschichtsschreibung und Geschichtswissenschaft immer einem „politischen“ Zweck, einem ideellen bzw. ideologischen Ziel untergeordnet sind. – Man kann also die vergangenen und gegenwärtigen Konflikte unserer Welt als „Kampf der Kulturen“ (so der deutsche Titel von Huntingtons Buch) verstehen; man kann unsere Welt aber eben auch anders deuten. Die Brille, die wir tragen, bestimmt unsere Wahrnehmung.

In der Leipziger Mission ist die Begegnung von Menschen verschiedener Kulturen und von Angehörigen unterschiedlicher Religionen von Anfang an ein Thema. Früher wurde im Fremden eher der ganz Andere gesehen und als Gegner und Bedrohung verstanden. Heute bildet die Kernaussage der Missionserklärung der Weltchristenheit von 2012 „Gemeinsam für das Leben“ den roten Faden unserer Tätigkeit, gegründet auf vielen Begegnungen mit Menschen aus anderen Welten. Das unterscheidende Kriterium liegt nicht im Glauben oder in der kulturell-kontextuellen Prägung eines Menschen. Sondern Hungrige und Durstige ernähren, Fremde aufnehmen und Nackte kleiden, Kranke und Gefangene besuchen: in diesem Tun „für das Leben“ suchen wir die Kooperation mit hinduistischen, muslimischen, säkularen, jüdischen und allen anderen Menschen.

Ravinder Salooja, Evangelisch-Lutherisches Missionswerk Leipzig e.V.

Foto: unsplash

 

Mitgefühl lernen

Unser Land ist ein gutes Land, ein Land mit reichen Traditionen, reich an Erfindergeist und an guten philosophischen Gedanken. Unser Land ist ein gutes Land. Die vor uns hier lebten und etwas für dieses Land wollten, haben es durch die Jahrhunderte immer wieder geschafft, sich zu einigen und zusammenzufinden. Um uns diesen Reichtum zu bewahren, brauchen wir Friedenszeiten, wie auch reife und offene Menschen – Menschen voll Mitgefühl und Menschen, die mitdenken: Statt den Frieden einfach nur zu haben, den Frieden leben! Unser Land ist ein gutes Land. Es wird gut durch dich und mich. Es wird gut, wenn wir etwas Gutes für unser Land wollen und zusammenfinden, wenn wir aneinander denken – und innehalten, wenn es nötig ist.

Hast du mit deinen Kindern oder deinen Freunden an den Ausbruch des 2. Weltkrieges vor 80 Jahren gedacht? Hast du einen Moment mit ihnen geschwiegen und eine Kerze angezündet? So etwas schärft dein Mitgefühl. Man muss es lernen, das zu können: Mit anderen zu fühlen.

Mitgefühl wird helfen, dass wir noch in 20 Jahren sagen können: Unser Land ist ein gutes Land. Es wird gut durch dich und mich, durch dein Mitgefühl und durch mein Mitgefühl. Das Mitgefühl hilft, zueinander zu finden. In den heutigen Zeiten wird das Mitgefühl als etwas Schwaches angesehen. Doch bringt es Menschen zusammen. Es lässt sie reifen und innerlich wachsen.

Woher kommt das Mitgefühl? Für Christen kommt es daher, dass der, von dem alles Leben ist, mitfühlend ist. Menschen, die ihn erlebt haben, sagten: Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen (Jes 42,3). Bis heute übernehmen Menschen das in ihr Leben – Handwerker, Polizisten, Politiker, Bauern, Lehrer, Angestellte, usw. Das ist zwar unzeitgemäß – aber sehr sinnvoll, wenn unser Land ein gutes Land bleiben soll, ein Land mit reichen Traditionen, mit guten philosophischen Gedanken, ein Land, in dem Menschen es schaffen, sich zu einigen und zusammenzufinden, Menschen, die etwas für unser Land wollen. Gutes wird, indem man Gutes tut. Ein erster Schritt ist es, Mitgefühl zu lernen. Dann finden wir zueinander und Gutes für unser Land.

Pfarrer Jörg Sirrenberg, Kirchgemeinde Leipzig-Marienbrunn

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Du hast die Wahl. – Du bist gewählt.

An diesem Sonntag haben wir als Bürgerinnen und Bürger in Sachsen die Wahl. Noch nie waren seit 1989 zu einer solchen Wahl die Parteien so vielfältig und untereinander so verschieden. Wir dürfen entscheiden. Zwei gewichtige Stimmen haben wir.

Als Menschen sind wir gewählt bzw. erwählt von anderen Menschen, von solchen die uns lieben, deren Freundin oder Freund wir sind. Wir werden gewählt, wenn ein anderer Mensch auf uns zukommt und ihre oder seine Stimme an uns richtet, auf uns setzt. Als religiöse Menschen glauben wir zugleich, dass uns Gott gewählt hat; dass er seine Stimme an uns richtet, uns beim Namen ruft. Wir glauben von ihm erwählt oder gar auserwählt zu sein. Im Glauben sehen wir uns als Geschöpf Gottes, als Kind Gottes, als Abbild Gottes oder einfach als Mensch.

Ob nun von Menschen oder von Gott auserwählt, geliebt und angesprochen, als solche sind wir herausgefordert zu antworten und damit Verantwortung zu übernehmen. Mit Würde bekleidet, mit Liebe bedacht, tragen wir die Verantwortung, würdevoll und liebevoll zu leben. Insofern ist diese Wahl am kommenden Sonntag wahrlich keine Qual, sondern eine Antwort, eine Verantwortung.

Jesus hat die guten Regeln für das Leben aus dem Gesetz des Mose einmal so zusammengefasst: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben … und deinen Nächsten wie dich selbst. (Lk 10,27) Diese goldene Regel gilt in nahezu allen Religionen dieser Erde. Für religiöse Menschen ist sie ein Dreischritt: Gott-Mensch-Nächste/r; für nicht Religiöse unter uns ein Zweischritt: Mensch-Mensch. Eins bedingt das andere – geliebt zu werden und zu lieben.

All die großen Worte wie Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung; Menschenwürde, Freiheit und Respekt; Volk, Kultur und Rechtsstaat; Bürgerbeteiligung, Politik und Solidarität haben ihren Kern in der Liebe und im Geliebt-Sein.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht wirklich schwer, eine Wahlentscheidung zu treffen und die beiden Stimmen verantwortlich einzusetzen.

Darum nehmen Sie Ihre Verantwortung wahr und gehen Sie zur Wahl. Wählen Sie, weil Sie auserwählt worden sind von Menschen und von Gott. Antworten Sie mit Ihrer Wahl auf das,  was Ihnen Ihre Erwählung bedeutet.

Pfarrer Dr. Ralf Günther, Michaelis-Friedens-Kirchgemeinde

Foto: pixabay

Hinauswagen

Die meisten Menschen in Deutschland genießen das Privileg einer unbeschwerten Kindheit. Wir bekommen das Rundum-Paket: auf Papas Schultern klettern, wenn uns die Puste ausgeht, beidbeinig in Schlammpfützen springen, Zuckerwatte und Ketchup-Nudeln.

Damit wir so behütet aufwachsen können, müssen unsere Eltern sich jeden Tag aufs Neue ordentlich ins Zeug legen. Sie sorgen dafür, dass unsere kleine Welt heil bleibt, sie machen die Realität kindgerecht.

Als Kinder spüren wir im Laufe der Zeit ganz deutlich, dass uns Wissen vorenthalten wird, wir nicht alles ausprobieren sollen und nicht auf jede unserer Fragen eine Antwort bekommen. Wenn wir diese Phase in unserer Entwicklung erreicht haben, machen wir schnell vor nichts mehr Halt. Dass unsere Eltern versuchen, jede Gefahrenquelle unschädlich zu machen, noch bevor sie entsteht, ist uns bei weitem nicht so wichtig wie eigene Erfahrungen und der Versuch, bestehende Grenzen auf die Probe zu stellen. Zack! Schon berührt die kleine Handinnenfläche den Rand der heißen Herdplatte. Manche Erlebnisse sind schmerzhafter als andere, und manches hätten wir im Nachhinein lieber nicht wissen wollen.

Doch auch wir haben in einem prägenden Moment erfahren, dass die eigenen Eltern irgendwann nicht mehr da sind, um uns zu beschützen. Dass hinter dem Garten mit den ausladenden Obstbäumen, der uns früher endlos erschien, noch allerhand mehr liegt. Sogar Orte und Menschen, die nicht mal unsere Eltern kennen. Und dass wir all das erkunden können, aber auch, dass die Welt nicht nur mit Zuckerguss überzogen ist.

Mit jedem neuen Lebensjahr werden uns mehr Risiken bewusst. Wir lernen Angst zu haben und uns am wohlsten in vertrauten Gefilden zu fühlen.

Doch ich glaube, gerade dieses kindliche Hinterfragen von jedem klitzekleinen Detail, diese für Eltern oft nervenaufreibende Eigenschaft, gilt es, hinüber zu retten ins Erwachsenen-Dasein.

Gerade wenn man sich bereits eingerichtet hat in seinem Alltag, lohnt es sich, bestehende Denk- und Lebensweisen zu hinterfragen.

Die Freiwilligen des Leipziger Missionswerkes, die an diesem Sonntag in der Nikolaikirche nach Tansania und Indien ausgesendet werden, werden dies erleben – das Hinauswagen und Hinterfragen.

Emilia Stemmler, ehemalige Freiwillige des Leipziger Missionswerkes

Foto: Lehmann

Das Strafregister des Klassenbesten

„Klassenbester war er – und die Rede zum Abitur hat er auf Latein und Griechisch gehalten!“ Das erzählte meine alte Tante stolz von ihrem Vater, von meinem Urgroßvater also. 1890 machte er Abitur an einem renommierten Internat; später wurde er Lehrer – pardon: Studienprofessor! Meine Mutter und ihre Geschwister, seine Enkel, haben ihren Opa als preußisch strengen alten Mann kennengelernt.

Das Internat gibt es immer noch. In den 90er Jahren hat mein Onkel dort mal nach der legendären Abitur-Rede geforscht – doch die Rede von 1890 war nicht im Archiv zu finden. Eine Abitur-Ansprache, die nicht dokumentiert ist? Da muss es wohl mächtig Ärger gegeben haben, meinte der Archivar, der meinem Onkel suchen half: Mal sehen, ob wir im Strafregister fündig werden! Und wie sie fündig wurden: Beim Biertrinken erwischt, beim Rauchen, zu spät vom Spaziergang zurück, heimlich in der Kneipe, Aufsässigkeit, Randale – immer wieder!

Und immer wieder: Unterrichtsverweise, Arrest oder sogar Karzer (also Schulgefängnis), strenge Ermahnungen … Offenbar muss er kurz vor dem Rausschmiss gestanden haben – und doch hat ihm irgendwer noch eine Chance gegeben, vermutlich mehr als einmal. Aus den letzten Monaten vor dem Abitur sind keine Einträge mehr im Strafregister zu finden – er hat sich wohl doch zusammengerissen, schließlich sein Abitur bestanden und als Klassenbester die Rede gehalten. Nach diesen Enthüllungen sah mein Onkel den preußisch-strengen Großvater in ganz anderem Licht. Die alte Tante war gar nicht erfreut, was da über ihren Vater zutage kam.

Hat mein Urgroßvater vor 130 Jahren mehr Unsinn angestellt als manche Schüler heute? Auf jeden Fall muss es damals Menschen gegeben haben, die den undisziplinierten, aufsässigen, manchmal betrunkenen und wohl auch intelligenten Jungen nicht aufgeben wollten, die sich für ihn einsetzten und ihm zutrauten, dass er auf einen guten Weg käme – auch wenn es Mühe und Nerven kostete. War das ein Lehrer? Ein Tutor? Die Eltern, die viele hundert Kilometer entfernt lebten? Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe, es gibt solche Leute auch an Schulen von heute – auch im neuen Schuljahr, das jetzt beginnt.

Friederike Ursprung, Evangelische Kirchenredakteurin Radio PSR

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Freund und Feind

„Meine Feinde reden böse über mich.“ (Psalm 41,6) Wer kennt das nicht: üble Nachrede, Verdrehung von Wahrheiten, Halbwahrheiten. Dann vielleicht auch noch in den Medien, in der Öffentlichkeit. Wenn einmal solches Reden in der Öffentlichkeit ist, kann man es nicht mehr löschen, nicht mehr zurückholen. Solches Reden bleibt an dem Beschuldigten haften, selbst wenn sich später herausstellt: Es stimmt nicht. Oder: Es ist ganz anders, als wie es in der Öffentlichkeit dargestellt wurde.

Und dann kommt das Schlimmste. „Auch mein Freund, dem ich vertraute.“ (Psalm 41,9) – der Freund aus Kindertagen, der freundliche Nachbar, eine Glaubensschwester oder ein Glaubensbruder, ein Mitglied aus der eigenen Familie. Das ist bitter: Nicht nur üble Nachrede, sondern auch noch Vertrauensmissbrauch – das Ende einer vertrauensvollen Beziehung, die nur schwer wieder aufgebaut werden kann. Selbst durch Kirchenzeitungen und kirchliche Autoren kann so etwas alles passieren. Ja, der Feind sitzt manchmal in den eigenen Reihen.

Von meinem Gemeinschaftsgründer, dem Heiligen Philipp Neri, ist beispielsweise eine Episode überliefert. Philipp Neri begleitet einen Freund und Beichtkind zum Galgen. Er war wirklich ein Räuber, und wegen seiner Verbrechen wurde er auch zu Recht verurteilt. „Sag mal, Vater Philipp, warum hat der Teufel gerade mich ausgewählt?“, darauf Philipp Neri: „Weil Du der Beste bist“.

Gerade in der Auseinandersetzung mit dem Bösen, in der Auseinandersetzung mit dem Feind dürfen wir auf die Hilfe und die Begleitung eines gnädigen Gottes hoffen. Das wusste auch schon der Beter im Psalm 41: „Du aber Herr, sei mir gnädig, richte mich auf.“ (Psalm 41,11)

Ich kann Zuversicht bekommen, Hoffnung, und auch unvermittelt Kraft durch Menschen, die ich als Helferinnen und Helfer gar nicht erwartet habe. Manchmal fallen mir sogar Worte oder Aktionen ein, die mir einen Weg aus der Bedrängnis aufzeigen. Schau ich nun auf diesen Psalm, dann scheint mir eins aber sehr wichtig: Das Gebet. Ich muss alles im Gebet vor Gott bringen, alles – auch den vermeintlichen Feind. Und ich schau auf unseren Herrn Jesus Christus, der einmal gesagt hat: „Liebet eure Feinde, betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,44).

Für Jesus Christus ist aber auch der Feind ein Dämon oder letztlich der Teufel. Diesen hat er bekämpft, Dämonen hat er ausgetrieben. Ja, den Teufel oder die Dämonen oder einfach das Böse in einem Menschen – das sollte man bekämpfen, niemals jedoch den Menschen.

Pfarrer Thomas Bohne, Pfarrei St. Philipp Neri in Leipzig-West

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