Das Strafregister des Klassenbesten

„Klassenbester war er – und die Rede zum Abitur hat er auf Latein und Griechisch gehalten!“ Das erzählte meine alte Tante stolz von ihrem Vater, von meinem Urgroßvater also. 1890 machte er Abitur an einem renommierten Internat; später wurde er Lehrer – pardon: Studienprofessor! Meine Mutter und ihre Geschwister, seine Enkel, haben ihren Opa als preußisch strengen alten Mann kennengelernt.

Das Internat gibt es immer noch. In den 90er Jahren hat mein Onkel dort mal nach der legendären Abitur-Rede geforscht – doch die Rede von 1890 war nicht im Archiv zu finden. Eine Abitur-Ansprache, die nicht dokumentiert ist? Da muss es wohl mächtig Ärger gegeben haben, meinte der Archivar, der meinem Onkel suchen half: Mal sehen, ob wir im Strafregister fündig werden! Und wie sie fündig wurden: Beim Biertrinken erwischt, beim Rauchen, zu spät vom Spaziergang zurück, heimlich in der Kneipe, Aufsässigkeit, Randale – immer wieder!

Und immer wieder: Unterrichtsverweise, Arrest oder sogar Karzer (also Schulgefängnis), strenge Ermahnungen … Offenbar muss er kurz vor dem Rausschmiss gestanden haben – und doch hat ihm irgendwer noch eine Chance gegeben, vermutlich mehr als einmal. Aus den letzten Monaten vor dem Abitur sind keine Einträge mehr im Strafregister zu finden – er hat sich wohl doch zusammengerissen, schließlich sein Abitur bestanden und als Klassenbester die Rede gehalten. Nach diesen Enthüllungen sah mein Onkel den preußisch-strengen Großvater in ganz anderem Licht. Die alte Tante war gar nicht erfreut, was da über ihren Vater zutage kam.

Hat mein Urgroßvater vor 130 Jahren mehr Unsinn angestellt als manche Schüler heute? Auf jeden Fall muss es damals Menschen gegeben haben, die den undisziplinierten, aufsässigen, manchmal betrunkenen und wohl auch intelligenten Jungen nicht aufgeben wollten, die sich für ihn einsetzten und ihm zutrauten, dass er auf einen guten Weg käme – auch wenn es Mühe und Nerven kostete. War das ein Lehrer? Ein Tutor? Die Eltern, die viele hundert Kilometer entfernt lebten? Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe, es gibt solche Leute auch an Schulen von heute – auch im neuen Schuljahr, das jetzt beginnt.

Friederike Ursprung, Evangelische Kirchenredakteurin Radio PSR

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Freund und Feind

„Meine Feinde reden böse über mich.“ (Psalm 41,6) Wer kennt das nicht: üble Nachrede, Verdrehung von Wahrheiten, Halbwahrheiten. Dann vielleicht auch noch in den Medien, in der Öffentlichkeit. Wenn einmal solches Reden in der Öffentlichkeit ist, kann man es nicht mehr löschen, nicht mehr zurückholen. Solches Reden bleibt an dem Beschuldigten haften, selbst wenn sich später herausstellt: Es stimmt nicht. Oder: Es ist ganz anders, als wie es in der Öffentlichkeit dargestellt wurde.

Und dann kommt das Schlimmste. „Auch mein Freund, dem ich vertraute.“ (Psalm 41,9) – der Freund aus Kindertagen, der freundliche Nachbar, eine Glaubensschwester oder ein Glaubensbruder, ein Mitglied aus der eigenen Familie. Das ist bitter: Nicht nur üble Nachrede, sondern auch noch Vertrauensmissbrauch – das Ende einer vertrauensvollen Beziehung, die nur schwer wieder aufgebaut werden kann. Selbst durch Kirchenzeitungen und kirchliche Autoren kann so etwas alles passieren. Ja, der Feind sitzt manchmal in den eigenen Reihen.

Von meinem Gemeinschaftsgründer, dem Heiligen Philipp Neri, ist beispielsweise eine Episode überliefert. Philipp Neri begleitet einen Freund und Beichtkind zum Galgen. Er war wirklich ein Räuber, und wegen seiner Verbrechen wurde er auch zu Recht verurteilt. „Sag mal, Vater Philipp, warum hat der Teufel gerade mich ausgewählt?“, darauf Philipp Neri: „Weil Du der Beste bist“.

Gerade in der Auseinandersetzung mit dem Bösen, in der Auseinandersetzung mit dem Feind dürfen wir auf die Hilfe und die Begleitung eines gnädigen Gottes hoffen. Das wusste auch schon der Beter im Psalm 41: „Du aber Herr, sei mir gnädig, richte mich auf.“ (Psalm 41,11)

Ich kann Zuversicht bekommen, Hoffnung, und auch unvermittelt Kraft durch Menschen, die ich als Helferinnen und Helfer gar nicht erwartet habe. Manchmal fallen mir sogar Worte oder Aktionen ein, die mir einen Weg aus der Bedrängnis aufzeigen. Schau ich nun auf diesen Psalm, dann scheint mir eins aber sehr wichtig: Das Gebet. Ich muss alles im Gebet vor Gott bringen, alles – auch den vermeintlichen Feind. Und ich schau auf unseren Herrn Jesus Christus, der einmal gesagt hat: „Liebet eure Feinde, betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,44).

Für Jesus Christus ist aber auch der Feind ein Dämon oder letztlich der Teufel. Diesen hat er bekämpft, Dämonen hat er ausgetrieben. Ja, den Teufel oder die Dämonen oder einfach das Böse in einem Menschen – das sollte man bekämpfen, niemals jedoch den Menschen.

Pfarrer Thomas Bohne, Pfarrei St. Philipp Neri in Leipzig-West

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Mit oder ohne…

„Ich hab das Fräulein Helen baden sehn, das war schön, da kann man Waden sehn, rund und schön …“, wurde in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gesungen. Heute würde diese Dame den Herren ganz andere Tonschöpfungen entlocken, denn ob 20 oder 60 Jahre alt, sieht man beim Baden kaum noch Waden ohne Tattoo. Auf Frauenrücken flattern nicht nur Schmetterlinge, auch Sterne und ganze Blütenteppiche zieren Dekolletés.

Bei Männern sah ich Kämpfer und Ritter auf dem Unterbein oder auch weibliche Vornamen. Auf dem Oberkörper eines mir bekannten Polizisten sind Szenen aus der Mythologie der Wikinger zu sehen. Fast millimetergenau ist dafür der Platz auf seinen muskulösen Armen bemessen – laut Dienstvorschrift dürfen keine Tätowierungen zu sehen sein. In diesem Fall muss ein Tattoo mehr als eine Laune sein.

Körperschmuck hat in vielen Kulturen eine lange Tradition. Ein gut gestochenes Tattoo auf einem wohlgeformten Körper kann erotisierend wirken. Und so, wie wir uns als Jugendliche die Haare lang wachsen ließen, um den Eltern zu zeigen: „Ich bin jetzt erwachsen“ – braucht es heute möglicherweise ein Tattoo. Ich bin kein junger Mann mehr, und deshalb fehlt mir vielleicht auch das Verständnis für diese Art Körperschmuck. Gott sei Dank muss ich nicht mehr allen Trends folgen.

In der Bibel schreibt Paulus in seinem Brief an eine der ersten christlichen Gemeinden in Korinth „Euer Leib ist ein Tempel des in euch wohnenden Heiligen Geistes, welchen ihr von Gott empfangen habt. Ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe“. Soll heißen: Achtet auf euren Körper und auf eure Gesundheit und versucht auch auf diese Weise von Gottes Reich bereits jetzt etwas in dieser Welt spürbar zu machen. Ein Vers in unserem Gesangbuch beschreibt es so: „Zieh in meinem Herzen ein, lass es deinen Tempel sein.“ und verdeutlicht damit, wie wertvoll wir Gott sind, als Tempel auf zwei Beinen, in dem Gott wohnt und durch den er anderen Menschen gegenüber tritt.

Jeder Mensch – ob nun Christ oder Atheist – weiß, wie wichtig es ist, etwas für das Wohlbefinden und nicht zuletzt auch fürs gute Aussehen zu tun. Wir pflegen und trainieren den Leib nicht nur für uns selbst, sondern für unser Ansehen bei anderen Menschen. Gott zu loben bedeutet auch, die Daseinsfreude zu empfinden, die uns mit unserer leiblichen Existenz geschenkt wurde. Ob nun mit oder ohne Tattoo.

Wolfgang Erler, Prädikant der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens

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Und doch …

Die Kirche hat ein Problem. Gut, ich höre Ihre Einwände: Sie hat freilich nicht nur ein Problem, sie hat sehr viele Probleme, aber doch eines ganz besonders: Sie profitiert nicht vom unglaublichen Aufschwung, den das Religiöse gerade erlebt. Nur wenige, und auch eigentlich nur die Spinner konnten sich in den 70er, 80er Jahren mit Worten wie Achtsamkeit, Meditation oder Mandala an eine breitere Öffentlichkeit wagen. Ein bestimmter Blickwinkel auf die Naturwissenschaft bestimmte das Feld – mindestens hier im Osten. Wer sich dem nicht wenigstens in Teilen unterwarf, war faktisch nicht gesellschaftsfähig. Ein Idealist. Und Idealisten waren beinahe so schlimm wie die, die hinter ihrem Namen im Klassenbuch ein I stehen hatten – vielleicht waren sie auch schlimmer.

Heute kann man mit fast jeder noch so abwegigen Theorie Aufmerksamkeit erregen. Hauptsache sie riecht nicht in irgendeiner Weise nach Kirche. Das könnte ernsthaft geschäftsschädigend sein. Kirche ist nicht „in“ – auch wenn sich das, wofür Kirche steht und stehen sollte, großer Beliebtheit erfreut: zur Gelassenheit finden, loslassen können, nicht von den Zukunftsängsten aufgefressen werden, eine sinnvolle Tages- und Lebensstruktur finden, verantwortlich mit der Schöpfung umgehen. Und: selbst dann noch geachtet, geliebt und angenommen sein, wenn nichts mehr trägt, wenn man selbst nichts mehr leisten kann, selbst dann noch hören: Ich bleibe bei dir, bis ans Ende deiner Tage, ich, Gott, bleibe nah bis ans Ende aller Tage.

Die Sehnsucht danach ist groß – und die Enttäuschung ebenso. Hätte es nicht mit einem solchen Gott besser laufen müssen? Hätte da nicht mehr Glück sein müssen und weniger Versagen? Mehr Frieden und Heiterkeit und weniger Mord und Totschlag? Mehr Liebe und weniger Zerbrechen an all dem, was in Beziehungen mühevoll sein kann?

Dieser Gott, der sich in unterschiedlichster Weise den Menschen zeigt, ist ein merkwürdiger Gott: Wenn man ihn zu fassen meint, wenn man’s im Griff hat, ist es plötzlich nicht mehr zu spüren. Aber dann, ganz nebenbei, beim Betrachten eines Gänseblümchens oder beim Apfelpflücken, mitten in einem Sting-Konzert oder an einem Grab, ganz plötzlich versteht man, wie Leben gemeint sein könnte. Und dann geht es wirklich anders weiter.

Fassbar ist es nicht, aber erfahrbar. Funktionierend einsetzbar ist es nicht, aber lebbar. Keine Rückversicherung und keine letzte Interpretation, keine Formel, nichts, was ganz genau so immer und immer wieder funktioniert. Und doch …

Bettine Reichelt, Schulpfarrerin im Kirchenbezirk Leipziger Land, Autorin und Lektorin

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Ich glaube an die heilige christliche Kirche…?!

Letzten Sonntag habe ich das wieder mit vielen anderen zusammen gesagt in einer Kirche im Gottesdienst. Steht ja so im Glaubensbekenntnis drin. Diesmal bin ich gestolpert über die Worte, die ich schon tausendmal gesprochen habe. „Ich glaube an die heilige christliche Kirche“ Wie vermessen das klingt! Wie kann ich an die Kirche glauben – als wäre sie Gott? Wie kann ich die christliche Kirche für eine „Gemeinschaft der Heiligen“ halten? Ich weiß doch, wie viel „Unheiliges“ im Raum der Kirche geschieht und durch Kirchenleute! Als ob Christen heiliger wären als andere Menschen!

Was lässt mich diesen Satz immer wieder sagen? Gewohnheit? Gedankenlosigkeit? Dass ich in dieser Kirche arbeite? Dafür müsste ich sie nicht für „heilig“ halten. Ich glaube, es ist, weil es in dieser Kirche „spukt“.  Ich meine, da gibt es Geister, die in der christlichen Kirche ihr „Wesen“ treiben. Diese „Geister“ verströmen eine Lebendigkeit, die von Jesus von Nazareth inspiriert ist. Ich denke dabei an Menschen, die eben aus dem Geist von Jesus heraus leben und handeln. Viele von  ihnen sind schon tot – aber irgendwie sind sie doch lebendig geblieben – sie stellen mich in Frage bis heute – sie inspirieren immer noch – Unruhe geht von ihnen aus. Bekannte „Geister“ dieser Art sind Dietrich Bonhoeffer oder  Martin Luther King. Sie wurden aktiv – auch politisch – weil die Menschenverachtung ihrer Zeit zum Himmel schrie. Viele „Geistträger“  werden vermutlich nie einen Wikipedia-Artikel bekommen: Ursula etwa, die jahrelang ihre demente Nachbarin im Pflegeheim besucht – oder Anna, die über ihren Schatten springt und die Funkstille in der Familie überwindet.

Die „heilige christliche Kirche“ ist ein ziemlich gemischter Haufen. Ich will dazugehören, weil ich an den Geist glaube, der da sein Wesen treibt – den Geist von Jesus. Pur ist er nicht zu haben – immer vermischt mit ziemlich viel „Ungeist“, ziemlich viel Irrtum und leider auch mit Rechthaberei, mit Eitelkeit und sogar Gewalt. Braucht dieser Geist die Kirche denn? Kann er nicht wehen, wo er will? Das kann er – das tut er womöglich sogar. Ich glaube aber auch: solange wir in dieser Kirche nach Jesus fragen, sind wir gerade hier vor seinem Geist nicht sicher. Nur so kann ich an die „heilige christliche Kirche“ glauben.

Pfarrerin Ruth Alber, Kirchgemeinde Leipzig-Connewitz-Lößnig

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Deiche des Mutes bauen

„Wir müssen immerfort Deiche des Mutes bauen gegen die Flut der Furcht“. Dieser Satz von dem Bürgerrechtler Martin Luther King (1929-1968) ist mir in der letzten Zeit mehrmals begegnet. Ihn in Erinnerung zu bringen ist nötiger denn je angesichts der Furcht vor dem was kommen wird. Seit Jahrhunderten bauen Küstenbewohner entlang der Meeresufer Deiche, um sich vor der Flut zu schützen. Bei Sturmfluten entwickeln die Meere eine solche Kraft, dass die Wassermassen ganze Landstriche unter sich begraben. Das erlebten wir inzwischen auch im „platten“ Land. Der praktische Deichbau reichte nicht aus. Es mussten neue Konzepte für den Schutz vor dem Hochwasser erarbeitet werden.

Die Furcht vieler Menschen vor der Auswirkung der auf uns zurollenden Klimakatastrophe ist groß und die Hoffnung auf eine veränderte Klimapolitik schwindet. Es heißt, dass wir die Chance rechtzeitig zu handeln, verspielt haben, denn schon seit den 70er Jahren hat uns der „Club of Rom“ angesichts der sich abzeichnenden Auswirkungen unserer Wirtschaftsweise auf Mensch und Natur auf die Folgen aufmerksam gemacht. In der berechtigten Sorge darum, wie unsere Erde ohne konsequenten Kohleausstieg 2050 aussehen wird, gehen uns die Visionen und Utopien verloren. Daran erinnern die Schülerinnen und Schüler von „Fridays for Future“. Ihnen geht es darum, dass die Politik Rahmenbedingungen für eine Wirtschaft setzt, die dem Leben dient, unser persönliches Handeln vorausgesetzt. Das sind für mich Deiche des Mutes.

Die Kraft zum Handeln gibt mir die biblische Vision von einem „neuen Himmel und einer neuen Erde, auf der Gerechtigkeit wohnt“. Sie trägt mich, sie treibt mich an und erfüllt mich mit großer Hoffnung. Ich habe gelernt, dass Ungerechtigkeit und Zerstörung nicht die letzte Wirklichkeit sind.  Ein Lied aus meiner Zeit in der Jungen Gemeinde fällt mir dazu ein:

„Ich will gegen das Geläut der Leute mein Geschweige stimmen. Ich will gegen das Gedröhn der Bomben meine Träume summen. Ich will gegen das Geleucht der Lichter meinen Dunkelheiten trauen. Ich will für die große Flut der Tränen eine Freudenmauer bauen“ (Wilhelm Willms).

Bis heute empfinde ich das Lied als eine Einladung an uns alle.

Christine Müller, Arbeitsstelle Eine Welt in der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens

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Die Kunst des Zuhörens

Kennen Sie den Ausspruch: „Gott hat uns Menschen nicht ohne Grund mit nur einem Mund aber mit zwei Ohren ausgestattet“? Die Bibel drückt es so aus: „Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.“ Jakobusbrief 1,19.

Wirkliches Zuhören ist eine Königsdisziplin im Umgang miteinander. Wir sind dankbar, wenn ein Gesprächspartner zuhört, uns seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Wenn wir spüren, ihr liegt etwas an mir und meiner Meinung. Menschen, die zuhören können, tun einfach gut. Sie helfen, Erlebnisse und Erfahrungen zu verarbeiten. In ihrer Gegenwart können wir ungeschützt reden. Da wächst Vertrauen, dass alles was wir mitteilen, vertraulich bleibt und geschützt. Was für ein Geschenk, wenn man solche Freunde und Gesprächspartner hat.

Mein intensivstes Übungsfeld dafür sind die Besuche im Krankenhaus oder bei Menschen in schweren Lebenssituationen. Da helfen meine vermeintlich klugen Ratschläge nicht weiter. Wertvoll allein ist es, ganz da zu sein, zugewandt und aufmerksam. Zuhören und die Zwischentöne wahrnehmen. Einfach da sein. Das Wertvollste schenken: Zeit.

Dietrich Bonhoeffer beschrieb es so: „Wer nicht lange und geduldig zuhören kann, der wird am Andern immer vorbeireden und es selbst schließlich gar nicht mehr merken. Wer meint, seine Zeit sei zu kostbar, als daß er sie mit Zuhören verbringen dürfte, der wird nie wirklich Zeit haben für Gott und den Mitmenschen, sondern nur immer für sich selbst, für seine eigenen Worte und Pläne.“

Viele unbedachte Worte sprudeln gern aus unserem Mund und ein einmal ausgesprochenes oder geschriebenes Wort lässt sich nicht zurücknehmen. Wie oft haben wir unsere Mitmenschen schon mit unseren Worten verletzt.  Und wie oft kamen dann Reaktionen zurück, die uns in Aggression und Zorn versetzt haben. Zorn ist ein starkes Gefühl. Aber im Zorn gesprochene Worte und Handlungen lassen uns später beschämt und klein aussehen. Zorn zerstört, was wir uns zuvor mühevoll aufgebaut haben. Im Zorn tun wir niemals, was Gott gefällt.

Auf Gott hören, auf sein eigenes Herz hören, auf den Mitmenschen hören. Eigentlich ist das nicht schwer. Zuhören kann jede und jeder. Und es verändert mich, die Beziehung zum Mitmenschen, die Gesellschaft. Heute ist Gelegenheit dazu.

von Pastor André Krause, Baptisten-Leipzig

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Von der Glückseligkeit

„Ich bin selig.“ So spricht ein Mensch, der mit seiner Situation völlig im Einklang ist. Aus den Worten klingt Zufriedenheit. Da passt gerade alles zusammen: Erfolg, Wohlergehen und Dankbarkeit. „Selig“ lässt sich am besten mit „glücklich“ umschreiben. Wenn uns etwas selig macht, sind wir beglückt.

Heute können Sie Menschen begegnen, die über sich sagen: „Wir sind selig.“ Hinter ihnen liegt eine lange Zeit der Planung, des Ringens und der Arbeit. Vor ihnen aber stand immer das Ziel: die Erneuerung und Ergänzung der Glockenanlage für die Nikolaikirche in Leipzig. Mit dem Gottesdienst zur Glockenweihe, am Sonnabend, 29. Juni, 14 Uhr, sind sie ihrem Vorhaben ein ganzes Stück näher gekommen. Denn nun sind sie hier, die sechs neu gegossenen Glocken. Gemeinsam mit zwei „alten Schwestern“ stehen sie bis morgen auf dem Nikolaikirchhof. Der Anblick dieser kunstvoll verzierten Bronzeglocken lässt zufriedene Gesichter zurück. Da darf man schon mal selig werden.

Beim genauen Betrachten der Glocken lässt sich sogar das Wort „selig“ entziffern. Der Leipziger Künstler Tobias-David Albert hat für die kleineren Glocken eine eigene Schrift entworfen, um den Worten Bedeutung zu verleihen. „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ steht auf der kleinsten. Davon können die Akteure hinter dem Glockenprojekt ein Lied singen. Ohne ihren Glauben an die Vollendung bliebe die Wiederherstellung des Geläutes ein schöner Traum. Auf einer anderen Glocke lässt sich entziffern: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Das klingt vertraut. So hat Jesus in seiner Bergpredigt gesprochen, die mit den sogenannten Seligpreisungen eröffnet wird. Sie gehören zum festen Bestandteil der Friedensgebete in der Nikolaikirche. Von daher liegt es nahe, dass ihre Glocken zur Seligkeit – zum Glück – anstiften sollen. Ihr Klang, der ab dem 9. Oktober zu hören sein wird, lädt die Menschen zum Hören auf Gottes Wort ein. „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren“, hält es uns die große Glocke mit ihrer deutlichen Keilschrift entgegen.

Kommen Sie doch vorbei, um das Geläut der Nikolaikirche in Augenschein zu nehmen. Dieses Jahrhundertereignis ist einzigartig und wird auch Sie selig machen.

Pfarrer Bernhard Stief, Kirchgemeinde St. Nikolai

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