Zusammen ist man weniger allein

Zwei Bücher lagen dieses Jahr bei uns unter dem Weihnachtsbaum. Eher zufällig haben beide viel mit Europa zu tun. „Die Hauptstadt“ ist das buchpreisgekrönte Werk des überzeugten Europäers Robert Menasse. Und trotzdem voller Ironie und Augenzwinkern. Da läuft etwa von Anfang bis Ende des Romans immer wieder ein Schwein durch Brüssel, vorbei an den Büros der Emporkömmlinge und Bürokraten, die Europa verwalten. Es wird aber auch von denen gesichtet, die in der EU einen Garanten für Frieden und Humanität auf dem Kontinent sehen.

Während ich Menasse auf seinem Gang durch die Brüsseler Verhältnisse begleite, liest neben mir meine Frau die neue Biografie des Schweitzer Theologen Roger Schutz. Wie die Europäische Union ist auch seine ökumenische Bruderschaft von Taizé, gegründet 1949, ein Versuch, die Gräben quer durch unseren Kontinent zu überbrücken. Vor allem Jugendliche aus ganz Europa haben diese Botschaft seither gehört, in ihre Heimatländer mitgenommen und gelebt. Zu Tausenden fahren sie auch heute noch jeden Sommer in das kleine Dorf in Burgund. Junge Litauer begegnen jungen Italienern, Spanier Slowaken, Deutsche Polen wie auch vereinzelt Jugendlichen aus anderen Teilen der Welt. Über alle Verständnisbarrieren hinweg tauschen sie sich aus über ihr Leben und ihren Glauben. Gemeinsam singen und beten sie in vielen Sprachen. Taizégebete gibt es mittlerweile in allen größeren Städten unseres Kontinents – natürlich auch in Leipzig.

Wie auch immer organisiert man sich ein geeintes Europa vorstellen mag, welche Institutionen es braucht, worum man sich gemeinsam kümmert, worum lieber allein – darüber lässt sich trefflich streiten. Verständigung und Freundschaft mit nahen und entfernteren Nachbarn in Ost und West aber sehe ich als zutiefst christliches Anliegen. Es liegt der Kirche gewissermaßen in den Genen: als sie vor 2000 Jahren entstand war sie der erste global player der Geschichte. Im Zeitalter des Nationalismus hat sie das mitunter vergessen.

Umso besser, dass sie heute dafür betet und streitet. Jetzt am Montag etwa beim traditionsreichen Friedensgebet 17 Uhr in der Nikolaikirche wie auch mit vielen Partnern bei der anschließenden Demonstration.

Johannes Markert, Pfarrer zur Erteilung von Religionsunterricht im Kirchenbezirk Leipzig

Foto: unsplash.com

 

Gut, dass nicht alles gelingt

Wenn alles so ist wie alle Jahre wieder, dann müsste inzwischen das Abschiednehmen von den ersten Neujahrsvorsätzen begonnen haben. Bei mir schon. Es wird noch zwei, drei kleine Neustartversuche geben, aber dann ist es vorbei. Wie nahezu immer.

Dieses regelmäßige Scheitern an den eigenen Vorhaben – nicht nur Neujahr – kann einen angesichts der eigenen Schwäche schon frustrieren. Muss es aber nicht. Denn hinter unseren zahlreichen Pläne-schmieden und Vorsätze-fassen steckt ein merkwürdiges Konzept. Es geht davon aus, dass ich allein mein Leben gestalten und vorausberechnen kann, dass alles allein in meiner Hand liegt. Natürlich bin ich der Hauptakteur meines Lebens, der Löwenanteil, was in meiner Biographie wie geschieht, liegt bei mir. Aber es gibt auch das Andere, was ohne mein Planen geschieht. Es gibt die Anderen, die mitbestimmen, wie die Dinge laufen. Und es gibt das nicht vorhersehbare Überraschende. Viele nennen es „Zufall“, der Glaubende spricht eher von Gottes Wirken oder – etwas altmodisch – von „Fügung“.

Alle diese Dinge – Umwelt, Mitmenschen, Entwicklungen und Gottes Wirken – haben Einfluss auf mein Leben und sorgen immer wieder dafür, dass die besten eigenen Vorsätze und die perfekten Planungen nicht funktionieren. Das mag oft ärgerlich sein, manches Mal geschieht es aber auch zu unserem Glück. Denn für mich zählt zu Gottes gutem Handeln nicht nur, dass er die richtigen oder neue Wege weist, sondern immer auch, dass er den Menschen bremst, der im Begriff ist, in die falsche Richtung zu gehen, in Sackgassen abzubiegen oder die ganze Kraft in etwas zu legen, was ihn am Ende nicht weiterbringt. Viel zu selten fragen wir Menschen im privaten Alltag, im beruflichen Umfeld, im gesellschaftlichen oder politischen Engagement, ob das, was wir vorhaben, wirklich das Richtige ist. Und die wirkliche Tragweite von Entscheidungen können wir ohnehin immer weniger abschätzen.

Aus diesem Grund werde ich mir angesichts meiner Vorsätze, die ich auch im vergangenen Jahr nicht umgesetzt habe, für 2019 einen ganz neuen wählen: ab und zu am Ende des Tages werde ich Gott danken für die Vorhaben und Ideen, die nicht geklappt haben. Vermutlich will er mich dadurch vor Schlimmeren bewahren.

Propst Gregor Giele, Propsteikirche St. Trinitatis

Foto: Eberhard Grossgasteiger, unsplash.com

„Fürchtet euch nicht“

Liebe Leserinnen und Leser,
was bleibt vom Weihnachtsfest? Nehmen Sie etwas mit aus den letzten Tagen? Für mich ist der Satz „Fürchtet euch nicht“ der wichtigste aus der Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums. Ihn gilt es jetzt im Alltag im Herzen zu bewegen wie Maria es tat.
Die Botschaft der Engel gibt uns Kraft, unseren Sinn für das Mögliche zu schärfen. Und sie hilft uns, denen zu begegnen, die sich unserer Ängste bedienen, um uns klein zu machen. Aber von Gott ist es zu Weihnachten andersherum gedacht: Die Geburt Jesu macht uns groß. Sie setzt uns mit unseren Gaben in Bewegung. Wir sind nicht denen ausgeliefert, die sagen: Es bringt alles nichts mehr.
Weihnachten ermutigt uns, nicht mehr wie das Kaninchen vor der Schlange zu sitzen. Gott kommt in diesem Kind an unsere Seite und sagt: Geh los – ich bin bei Dir.

Ich hoffe, dass Sie diese Botschaft in nächster Zeit auch weiter im Herzen bewegen können. Bis zum 2. Februar dauert die Weihnachtszeit an. Und auch danach gibt es viele Situationen, in denen der Ruf der Engel bei uns nachklingen kann. Einiges wird sich im Jahr 2019 für uns entscheiden – in Sachsen wie auch in Europa. Auch hier wirkt Weihnachten nach: Wo wir uns aufgerufen verstehen, unsere Größe als mündige Menschen zu zeigen und unsere Stimme zu erheben.

Die „andere“ Weihnachtsgeschichte nach Matthäus gibt ebenfalls Anlass, davon etwas im Herzen zu bewegen: Das Kind, das die Welt an der Krippe als Menschheit vereint und dazu auffordert, einander in den Blick zu nehmen – es wird gleich nach der Geburt bedroht von dem, dem diese Vielfalt ein Gräuel ist: dem König Herodes. Er heißt heutzugtage anders. Aber eines versucht er noch immer: Das aus der Welt zu schaffen, wofür dieses Kind und die Gaben stehen, die ihm gebracht werden: Gold für die Beständigkeit des Glaubens, Weihrauch für die Beziehung zu Gott und Myrrhe als Zeichen, dass Gott die Schmerzen und das Leid der Menschen ansieht und auf sich nimmt.

Am 6. Januar (9.30 Uhr) werden wir in der Thomaskirche mit der Christmette von Michael Praetorius einen musikalischen Gottesdienst feiern, der von all dem erzählt – und uns zurüstet für das Jahr 2019. Sie sind herzlich willkommen, dabei zu sein.

Pfarrerin Britta Taddiken, Kirchgemeinde St. Thomas

Grafik: Pfeffer

Wozu taugt das Christentum?

Alle Jahre wieder wird Weihnachten beschworen: Lieder, Lichter und vielleicht sogar ein Gottesdienst sollen für eine gefühlvolle Stimmung sorgen. Doch Religion will mehr: Im Zentrum steht die Ahnung, dass es etwas Größeres gibt, das unserem Kalkulieren und Verfügen entzogen ist.

Manche Menschen erleben ein religiöses Empfinden, wenn sie staunend unter dem Sternenhimmel stehen. Andere sind unendlich dankbar für die Geburt eines Kindes. Oder jemand spürt, dass er sich in einer bestimmten Situation nicht von Geld verführen lassen darf, sondern fair entscheiden muss. Besonders in der Erfahrung von Freundschaft können einem die Augen dafür aufgehen, dass es einen Mehrwert gibt, der einem gratis zufallen kann. Liebende erfahren etwas „Absolutes“, d.h. etwas, das „herausgelöst“ ist aus der Welt des Machens und Berechnens.

Ist dieses Absolute, nach dem sich Menschen sehnen, dieser Hunger nach Glück und Liebe, nur ein frommer Wunsch, der ins Leere geht? Oder gibt es einen Gott, den wir in unseren Sehnsüchten erahnen und in unseren ehrlichsten Stunden berühren?

Christen und Christinnen feiern an Weihnachten etwas Unglaubliches: Dass Gott sich für unsere Welt interessiert. Inter-esse meint „dazwischen sein“: Gott wird mitten in unserer Welt und Geschichte berührbar. Gott wird Mensch. Er begegnet auf Augenhöhe. Die tiefsten Sehnsüchte finden ein Gegenüber: In Jesus von Nazaret erfahren Menschen, dass ihr zerbrochenes Leben heil werden kann. Ausgegrenzte werden zu Tisch geladen. Die von Angst Gequälten schöpfen neues Vertrauen. Versöhnung erweist sich stärker als Hass und Gewaltlosigkeit, kann Konflikte lösen. Und am Ende des Lebens Jesu zeigt sich, dass das Leben stärker ist als der Tod. Das letzte Wort hat die Liebe.

Wozu taugt das Christentum? Mit dem Leben und der Botschaft Jesu wird die Hoffnung geboren, dass die großen Sehnsüchte der Menschheit keine leeren Träume sind. Frieden und Liebe sind möglich. Sie können allerdings nicht gemacht werden, sondern sind Geschenke, die wir nur empfangen können. In diesen Geschenken zeigt sich, dass Gott uns näher ist, als wir oft glauben. Und vielleicht können wir in den Lichtern und Liedern von Weihnachten etwas von dieser Nähe erahnen.

Andreas Knapp, katholischer Priester und freier Schriftsteller (Leipzig-Grünau)

Foto: Eberhard Grossgasteiger, unsplash.com

Johannes der Täufer

Liebe Leserinnen und Leser,
am dritten Adventssonntag steht in der evangelischen Kirche derjenige im Mittelpunkt, der als Vorläufer Jesu gilt: Johannes der Täufer.

An ihm schätze ich seine heilige, auf Gott bezogene Klarheit. Sie beginnt schon vor seiner Geburt, als die überraschten und für die Gründung einer Familie schon viel zu alten Eltern Zacharias und Elisabeth realisieren, dass im Leben immer mehr möglich ist als man glaubt. Als Erwachsener meidet Johannes dann alles, was ihn in die Abhängigkeit führen oder Verlustängste in ihm auslösen könnte. Er spricht Klartext mit denen, die wider besseres Wissen handeln. Er fordert alle, die genug haben, zum Teilen auf. Die Zöllner weist er an, nicht mehr zu nehmen, als geboten ist und warnt sie vor den Folgen von Betrug und Bereicherung. Lebenslang bleibt er unbequem und deckt die Widersprüche auf, in denen wir uns verstricken: Wir wissen genau, was eigentlich geboten und gut wäre und wie man gerechte Verhältnisse schaffen könnte. Aber wir tun es nicht, sondern halten vielmehr fest, was wir haben – aus Angst, es verlieren zu können. Johannes sagt klar: So wird es nichts, so wird Eure Gesellschaft nicht bestehen können. Ihr wisst es selbst – eigentlich. Und so ruft er zur Umkehr aus dieser Haltung auf, sagt zugleich aber auch: Das ist noch nicht das Evangelium. Auch hier ist er klar und weist von sich weg auf den, den er taufen wird: Jesus Christus.

Johannes der Täufer: Taugt er als Vorbild für das, wie wir leben können – als Gemeinschaft bzw. als Einzelne? Auch wenn seine Lebensweise (ohne Besitz und basierend auf einer Ernährung aus wildem Honig und Heuschrecken) nichts für uns ist, so tut es unserer Welt gut, wenn wir uns etwas von seiner Haltung aneignen: unbedingt, klar und manchmal unbequem einzutreten für das, was für Jesus das ganze Gesetz und die Propheten ausgemacht hat – für die Liebe zu Gott und dem Nächsten. Es gilt, immer wieder neu zu fragen und darum zu ringen: Wie können wir das jetzt und hier bei uns leben?

In den Gottesdiensten am dritten Advent werden wir in unseren Kirchen darüber nachdenken. Suchend, streitend, mit Lust und Freude – und hoffentlich auch in der beschriebenen johanneischen Klarheit!
Eine gesegnete Advents-und Weihnachtszeit wünscht Ihnen Ihre Britta Taddiken.

Pfarrerin Britta Taddiken, Ev.-Luth. Kirchgemeinde St. Thomas Leipzig

Foto: Ev.-Luth. Kirchenbezirk Leipzig

…das kann doch nicht wahr sein…

Gefühlte 100 Geschäfte bin ich durchlaufen, um Weihnachtskarten zu kaufen. Weihnachtskarten, mit denen ich den Empfängern etwas von der frohen Botschaft von Heilig Abend wünschen möchte. Doch was finde ich: Karten mit allerlei Weihnachtsmännern in manchmal lustigen, aber auch unmöglichen Darstellungen bis weit über die Grenzen des Geschmackvollen. Nichts gegen die Tradition, dass der Weihnachtsmann im roten Kostüm mit dem Sack voll Geschenken an der Tür klopft und den Kindern am Heiligen Abend eine Freude macht. Nur: Oft hört man auf die Frage bei Kindern: „Warum feierst du denn Weihnachten?“ die Antwort: “Weil der Weihnachtsmann kommt.“ Und: „Warum kommt der Weihnachtsmann?“ Na, „Weil Weihnachten ist!“ …Das kann doch nicht wahr sein…?

Da muss doch mehr dahinter stecken. Man bekommt Geschenke nicht einfach so, bloß weil einer im roten Mantel mit dem Schlitten von Haus zu Haus fährt, weil ihm gerade mal so ist.

Ja, da steckt noch mehr dahinter, da steckt eine ganze Familie dahinter:

Die Freude über die Geburt eines Babys in einer kleinen Familie. Eines Babys – Jesus – das unter einem besonderen Stern geboren wurde. Wo schon der Mutter Maria und dem Vater Josef klar war: Mit dieser Geburt und dem Erwachsenwerden von Jesus kann sich für die Menschen alles ändern. Gängige Verhaltensweisen von Unfrieden, Druck und Verachtung können durchbrochen werden, Menschen können liebevoller miteinander umgehen und Machtmechanismen im Umgang miteinander können außer Kraft gesetzt werden. Mit der Liebe, die dieses Baby umgibt, kann man ein Stück von Gott spüren, kann man spüren, dass man im Leben gehalten und getragen wird, auch durch alle schwierigen und schuldbeladenen Situationen hindurch. Die Freude über dieses Geschenk an uns Menschen zu Weihnachten ist der Grund warum wir schenken und den Weihnachtsmann losschicken.

Wenn schon nicht auf Weihnachtskarten, aber im Internet, da finden sie genügend Bilder von Maria, Josef und Jesus – von der Geburt im Stall. Drucken Sie sich einfach eins aus und legen Sie es zu Ihrer Weihnachtskarte dazu. Damit machen Sie dem Empfänger ein großes Geschenk. Denn dieses Bild erzählt dann von der großen Hoffnung, die wir mit Weihnachten verbinden.

Pfarrerin Ines Schmidt
Kirchgemeinde Leipzig-Leutzsch; Flughafenseelsorge Flughafen Leipzig-Halle

Foto: pixabay.com

„Advent“

Morgen feiern wir den 1. Advent. Lichter, Räucherkerzen, Weihnachtsmarkt, Zusammensein mit Freunden oder der Familie – das sind für viele Menschen die „Zutaten“ zum Advent. Gerade in unserer verunsichernden Zeit sehnen sich viele nach einem besonderen Gefühl der Zusammengehörigkeit und Geborgenheit.

Doch dann gibt es Menschen, die finden kaum etwas von dem, was auch sie suchen:

Sie leben in zunehmender Armut, immer wieder auch sozial ausgegrenzt. Manche haben aus unterschiedlichen Gründen den Halt in ihrem Leben verloren. Andere vereinsamen im Alter. Wieder andere fliehen vor Krieg, Perspektivlosigkeit und Elend und kommen zu uns. Spannungen entstehen zwischen verschiedenen Gruppen von Menschen.

Auf diesem Hintergrund wird schnell der Ruf nach den politisch Verantwortlichen laut. Dies ist prinzipiell richtig, denn diese Menschen wurden gewählt, um möglichst gute Rahmenbedingungen für unser Zusammenleben zu gestalten. Doch reicht das?

Morgen feiern wir den 1. Advent. Advent bedeutet in unserer Sprache „Ankunft“.

Schon vor 2000 Jahren erwarteten Menschen die Ankunft eines besonderen Königs, eines Messias. Er sollte die schwierigen Verhältnisse bessern. Doch Christen sagten: Jesus, dessen Geburt wir zu Weihnachten feiern, er ist der, der da erwartet wurde.

Allerdings: Er redete und handelte auf nicht alltägliche Weise. Er grenzte Menschen nicht aus, sondern sprach denen einen Wert zu, die das Gefühl hatten, nur im Wege zu stehen. Er gab Menschen Lebensperspektiven, die sich selbst schon aufgegeben hatten. Er sprach Worte wie: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch“. Nur eins tat er nicht: Mit Gewalt Unrecht durch neues Unrecht zu ersetzen.

Immer wieder haben sich Menschen an ihm orientiert. Sie haben nicht nur gefragt: Was kann irgendjemand „da oben“ tun? Sie haben auch gefragt: Was kann ich tun, dass unser Zusammenleben besser gelingt, dass Spannungen abgebaut werden, dass Hoffnungslose neue Lebensperspektiven bekommen?

Auch heute gibt es an vielen Stellen unserer Stadt Menschen, die in diesem Sinne tätig sind. Sie setzen ihre Zeit, ihre Ideen und manchmal auch ihr Geld ein, um andere zu unterstützen. Letztlich tragen sie das Licht dessen weiter, das der, der zu Weihnachten geboren wurde, in unsere Welt gebracht hat. Ich wünsche uns viel von diesem Licht – in der kommenden Adventszeit, aber auch weit darüber hinaus.

Pfarrer Christian Kreusel, Direktor des Diakonischen Werkes Innere Mission Leipzig e. V.

Foto: pixabay.com

 

Totengedenken

In diesem Jahr werde ich am Toten- oder Ewigkeitssonntag keinen Gottesdienst halten wie sonst. Dieses Jahr stehe ich auf der anderen Seite. Ich bin selbst in Trauer. Vor drei Monaten ist mein Vater gestorben. Die letzten Wochen seines Lebens verbrachte er im Krankenhaus. Wir haben den Abschied kommen sehen. Und doch fällt das Abschiednehmen schwer, auch wenn mein Vater über 80 Jahre alt geworden ist. So selbstverständlich hatte er doch zu uns gehört, seit ich denken kann.  Immer war er uns so liebevoll zugewandt. Manchmal habe ich Angst, seine Stimme zu vergessen, versuche mir ihren Klang in Erinnerung zu rufen. Jeder Satz, geschrieben von seiner Hand, auf einen Brief etwa, wird auf einmal ganz wertvoll und doch machen solche Spuren ihn nicht wieder lebendig. Es ist, als wäre es mit einem mal kälter geworden auf der Welt. Wir haben ihn begraben auf dem Friedhof in meiner Heimat. Ein paarmal stand ich schon an seinem Grab. Ich lese seinen Namen auf dem Holzkreuz, schwarz und kalt. Am Toten- oder Ewigkeitssonntag werde ich wieder dort sein. Es ist Sitte so – es ist mir auch ein Bedürfnis. Ich bin froh, dass der Friedhof im November-Grau nicht der einzige Ort der Erinnerung ist am Totensonntag. Im Gottesdienst in der Kirche meines Heimatdorfes werden die Namen  all derer verlesen, die im zu Ende gehenden Kirchenjahr verstorben sind. Diesmal  wird der Name meines Vaters auch dabei sein. Gesprochen von einer menschlichen Stimme wird sein Name anders „klingen“ als in schwarzen Lettern auf dem Friedhof, lebendiger, näher. Das hoffe ich zumindest. Sie werden ein Licht für ihn anzünden in der Kirche. Das sehe ich gerne vor mir –warm und hell und auch verletzlich. Ist es das, was mir daran „einleuchtet“:  Das Helle und Warme, das er geben konnte, das leuchtet weiter auf den Wegen unseres Lebens, auch wenn wir diese Wege nun ohne ihn gehen werden?

Das Erinnern dort in der alten Dorfkirche wird begleitet sein von Liedern. Vielleicht werde ich nicht so recht mitsingen können. Gut, dass es die anderen Stimmen gibt, die den hohen Raum der Kirche zum Klingen bringen werden. So viele haben früher hier schon gesungen und gebetet – lange vor meiner Zeit. Ich hoffe, dass mich das trägt und die anderen auch, die um einen lieben Menschen trauern.

Pfarrerin Ruth Alber, Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde Leipzig-Connewitz-Lößnig

Foto: pixabay.com

„Türen auf!“

Türen sind manchmal ein großes Hindernis! Aus Brandschutzgründen öffnen sie meist nach außen. Aber ein Mensch im Rollstuhl ist sich so selber im Wege. Er müsste mit der einen Hand den Schlüssel drehen, mit der zweiten Hand die Tür aufziehen und mit der nicht vorhandenen dritten Hand auch noch rückwärtsfahren. Wie soll das gehen?
Eine scheinbar einfache Tür kann Menschen trennen, ausschließen oder einschließen. Sie verhindert, dass sich Menschen begegnen.

Im Buch der Offenbarung steht: „Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann.“ Hier ist die Tür zu Jesus Christus gemeint. Es ist eine besondere Tür. Denn von Gott her hat diese Tür kein Schloss! Sie ist immer offen und wird nicht verriegelt.
Wenn es einen Preis für den besten barrierefreien Zugang gäbe, dann hätte Gott ihn schon gewonnen. Nur wir Menschen tun uns damit immer etwas schwer.

Im Buch der Offenbarung heißt es weiter: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“
Das ist eine deutliche Einladung, irgendwie schon eine Aufforderung. Öffnet die Türen, damit Menschen das Evangelium hören, damit sie Jesus Christus kennenlernen, damit sie erleben, wie gut es ist, in einer Gemeinde und Gemeinschaft zu leben.

Wie ist das bei uns? Wie ist unsere innere Haltung dazu? Wie offen sind wir anderen Menschen gegenüber und vor allem gegenüber Menschen, die eine Behinderung haben?

In Tansania bleiben Kinder mit Behinderung oftmals nur im Haus. Die Eltern schämen sich. So können die Kinder nicht mit anderen Kindern im Dorf spielen, nicht in die Schule gehen. Sie erfahren nicht die individuelle Förderung, die ihnen hilft, in ein eigenständiges Leben hineinzuwachsen.

Da ist wichtig zu hören, dass Jesus gerade auf Menschen mit Behinderung zugegangen ist.
Er will zu allen kommen, ohne Unterschied.

Unsere Adventsaktion „Türen auf!“ will auf die Einladung Gottes zur Gemeinschaft mit ihm aufmerksam machen, damit wir Türen öffnen, in unseren Herzen,  in unserem Denken, in unserem Miteinander hier und mit unseren Schwestern und Brüdern in Tansania.

Oberkirchenrat Christoph Stolte
Vorstandsvorsitzender Diakonie Mitteldeutschland

Foto: www.adventsaktion2018.de

Jizkor – „Erinnere Dich!“

Sie sitzen vielleicht gemütlich am Frühstückstisch und lesen die Zeitung. Jugendliche aus dem Leipziger Südwesten sind heute früh aufgestanden – auch wenn keine Schule ist – und treffen sich im Gemeindehaus in Kleinzschocher.

Am 9. November vor 80 Jahren brannten in Leipzig und überall in Deutschland die Synagogen, jüdische Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe wurden zerstört und geplündert, viele Menschen verhaftet, gefoltert und ermordet.

Die Jugendlichen wollen sich erinnern, damit nicht vergessen wird, was war.
Die Jugendlichen wollen von Menschen hören, die einmal im Leipziger Südwesten gelebt und gearbeitet haben, damit sie nicht vergessen werden.

Kennen Sie das Kaufhaus Held? Und das Kaufhaus Ury?
Wer war Edi Broder? Und wer war Gaby Gottschalk?
Was wurde aus der Firma Emmo Löbl? Und was aus der Arztpraxis von Josef Frankenstein?

Einen ganzen Tag lang werden die Jugendlichen mit dem Projektteam EnterHistory Kopien aus Dokumenten und Akten lesen, im Internet nach Informationen suchen, in Büchern nach Hinweisen schauen – um dann Erinnerungen an diesen Menschen und Firmen aufzuschreiben.

Jüdinnen und Juden auch in Leipzig waren vor 80 Jahren in Lebensangst, unter Schock, in Panik und verzweifelt. Sie wurden verhaftet, misshandelt und ermordet, Familien auseinandergerissen. Mit diesem Tag begann die Diskriminierung, Verschleppung in Konzentrationslager und organisierte Vernichtung. Dies geschah nicht nur durch die nationalsozialistischen Machthaber, sondern auch durch Nachbarn.

Die Jugendlichen heute können diese Gräueltaten meist nur in Geschichtsbüchern nachlesen. Nur noch wenige Zeitzeugen können berichten. Heute begegnen sie Menschen, die sie kennenlernen, obwohl sie sich nie begegnet sind.

Seitdem fehlt ein Teil der Menschen, die in dieser Stadt gelebt und gearbeitet haben. Eine Lücke ist entstanden, die nicht gefüllt werden kann. Es bleibt einzig die Erinnerung!

Heute wird im jüdischen Gottesdienst für die Opfer des Nationalsozialismus gebetet. Dort heißt es: G’tt voller Erbarmen, …, es sollen finden die verdiente Ruhestätte unter den Flügeln Deiner Gegenwart, …, all die Seelen der Sechs-Millionen Juden, Opfer der Shoah in Europa, ermordet, geschlachtet, verbrannt, umgekommen in Heiligung Deines Namens; durch die Hände der deutschen Mörder und ihrer Helfer aus den weiteren Völkern. … und schließe ihre Seelen mit ein in das Band des ewigen Lebens.

Auch wir wollen beten und mit den Jugendlichen an jüdische Menschen aus unserer Stadt erinnern. Kommen Sie am Montag – 12.11. – zum Friedensgebet in die Nikolaikirche um 17 Uhr.

Pfarrerin Angela Langner-Stephan,
Ev.-Luth. Kirchgemeinde Lindenau-Plagwitz, Bethanienkirchgemeinde und Taborkirchgemeinde

Foto: Irina Kostenich, unsplash.com