Höher, schneller, weiter

So lautet das olympische Motto. Jede Nacht bis in den Vormittag können wir gerade aus Tokio die Wettkämpfe miterleben. Es zählt die Leistung und eigentlich am Ende nur die höchsten, schnellsten und weitesten Ergebnisse, für die es eine Medaille gibt.

Leistung ist nicht schlecht, aber ich nehme wahr, dass sich durch die letzten Monate mein Blick darauf geändert hat. Mir stellt sich die Frage, welche Leistung ist wirklich wichtig! Ich bin dankbar für so viele „alltägliche“ Leistungen: den Verkäufer*innen, Erzieher*innen, Kranken- und Altenpfleger*innen und… Durch Corona wurde mir deutlich, hier hilft nicht höher, schneller, weiter – hier geht es nicht um Steigerung, da für viele Menschen die wirtschaftliche Existenz und das Leben in Frage steht.

Vielleicht hat aus diesen Gründen das IOC das alte Motto der Olympischen Spiele durch das Wort „zusammen“ ergänzt. „Zusammen“ lässt sich nicht steigern und fordert keine Leistung – zusammen drückt Solidarität aus – in Tokio und bei uns.

Zusammen bedeutet das Gegenüber, die Freundin und den Fremden im Blick haben. In der Bibel geht es nicht um höher, schneller, weiter – es geht um die Nächstenliebe. Den anderen annehmen, wie er ist! Miteinander handeln! Das brauchen wir nicht nur für Tokio, sondern auch in Leipzig und überall. Menschlicher, liebevoller, gemeinschaftlicher – denn „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Dazu lädt Gott ein!

Angela Langner-Stephan, Pfarrerin der Ev.-Luth. Kirchgemeinde Leipzig-Lindenau-Plagwitz mit Schwesterkirchgemeinden Schleußig, Großzschocher, Knauthain und Kleinzschocher

 

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Ruhe finden

Kannst du noch schnell die Spülmaschine ausräumen? Ach ja, dein Chef hat angerufen, du sollst ihm noch schnell die Präsentation für den Kundentermin morgen schicken und denk dran, du musst gleich deinen Sohn vom Fußballtraining abholen!
Puh! Stress, Erwartungen über Erwartungen. Überall begegnen sie uns im Alltag. Natürlich kommen noch die Erwartungen dazu, die ich an mich selbst stelle, wie Erfolg im Beruf. Genügend Zeit für Hobby, Freunde, Glaube und für mich selbst soll auch bleiben. Alles unter einen Hut zu bekommen ist kaum zu schaffen. Stress!

Vielleicht kennen sie solche Situationen. Ich kenne Sie gut und würde dann gern meine Koffer packen. Einfach weg, so weit, wie nur möglich von all den Dingen, die mich gerade stressen! Leider geht das kaum.
Wir brauchen Pausen und Zeiten, ohne Erwartungen und Verpflichtungen in unserem Alltag. In der Bibel finden wir Unterstützung. Jesus, Gottes Sohn hat einmal gesagt: ,,Kommt alle zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben. (Die Bibel nach Matthäus 11,28)

Ruhe, bei Gott finden. Urlaub mitten im stressigen Alltag. Dafür braucht es nicht viel. Eine Bank im Park, eine offene Kirche oder eine bewusst getrunkene Tasse Kaffee, bei der ich Gott die Dinge sage, die mich gerade stressen. Gott verspricht zu helfen und innerlich Ruhe und Gelassenheit zu finden. Auch wenn der Stress sich nicht in Luft auflöst, meine Haltung dazu verändert sich.

Diakon Ekkehard Weber
Bezirkskatechet im Ev.-Luth. Kirchenbezirk Leipzig

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Sei Willkommen!

Wenn ich mir eine Kirche wünschen könnte, dann wäre diese jederzeit offen und einladend. Dann findet das Kirchenkaffee draußen auf dem Kirchhof statt und alle, die Lust haben, setzen sich dazu und teilen, was sie gerade dabei haben: einen Kuchen, ein gutes Wort, ein Glas Wein. Es muss nicht gleich so aufwendig sein, wie ein White-Dinner, aber vielleicht in ähnlich spontaner Art. Kirche ein Ort des wirklichen Miteinanders und nicht nur des Konsumierens von Predigt und geistlicher Musik. Kirche, ein Ort, an dem du mit deinen Lebensthemen gehört wirst.

Der biblische Epheserbrief (2,19) bezeichnet die Christen als „Gottes Hausgenossen“. Modern gesprochen sind wir „Homies“, Nachbarsfreunde von Gott. Das klingt nicht exklusiv, sondern vor allem sehr persönlich. Ein Gott, der dich sieht und dich sein lässt, wie du bist. Ein Gott, der sich zuwendet und eine einfühlsame Zuhörerin ist. Ein Gott, der erlebbar wird im Miteinander von Gemeinde.

Mein Traum wäre es darum auch, dass diese Gemeinschaft auf die Neugierigen oder Fremden zugeht. Ich kenne dazu viele schöne Initiativen in Leipzig und doch trauen sich dann oft nur die hin, die sich auskennen in der Kirche. Die wissen, wann man wo im Gottesdienst aufsteht, oder wann welches Gebet gesprochen wird. Vielleicht bietet der Sommer Gelegenheit, dass diese Grenzen durchlässiger werden. Ein Liedchen im Freien, ein Gemeindepicknick am See, ein schöner Orgelton in einer offenen Urlaubskirche. Sei willkommen!

Yvette Schwarze, Pfarrerin, Supervisorin und Kursleiterin am Institut für Seelsorge und Gemeindepraxis

Systemrelevant?

Bin ich systemrelevant? Natürlich – Pflegerinnen und Pfleger, die sich um Menschen kümmern, sind es. Und alle, die Menschen in Krankenhäusern, in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen oder an anderer Stelle begleiten, sind ebenfalls systemrelevant. Viele von ihnen sind jetzt erschöpft. Sie sehnen sich nach „normalen“ Zeiten. Ihnen allen sind wir zu großem Dank verpflichtet. Eine angemessene Entlohnung gehört auch dazu, hier ist noch viel zu tun.

Allerdings: Wenn wir einige Menschen als systemrelevant bezeichnen, also als besonders wichtig für unsere Gesellschaft, sind es dann andere nicht? Ich merke, jetzt wird es gefährlich: Unser Miteinander funktioniert nur, wenn sich alle Menschen in den verschiedenen Arbeitsfeldern und Berufsgruppen, aber auch im persönlichen Umfeld für Mitmenschen einsetzen.

Natürlich: Die Pandemie ist für uns alle eine enorme Herausforderung. Infektions- und damit Lebensschutz sowie persönliche und wirtschaftliche Freiheit stehen dabei in einer kaum lösbaren Spannung zueinander.

Wer ist systemrelevant? Letztlich jeder Mensch. Manchmal benötigen wir Hilfe und sollten diese auch bekommen können. Aber anderen je nach Möglichkeit direkt oder indirekt Hilfe zu geben, ist ebenso wichtig.

Ich wünsche uns gute und befreiende Tage des Sommers. Und dann Zuversicht und die Kraft, um die noch kommenden Herausforderungen gemeinsam zu meistern.

 

Pfarrer Christian Kreusel, Direktor des Diakonischen Werkes Innere Mission Leipzig e.V.

 

 

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Kirche ist nur Kirche, wenn Sie für andere da ist

Im März 1991 gründete sich aus dem „Gesprächskreis Hoffnung“ der Nikolaikirche die Kirchliche Erwerbsloseninitiative Leipzig (KEL). Von Anfang an stand die Arbeit unter dem Motto von Dietrich Bonhoeffer „Kirche ist nur Kirche, wenn Sie für andere da ist“. Die Mitarbeitenden der KEL begleiteten Menschen in Zeiten des Umbruchs, die durch Arbeitslosigkeit in eine ungewisse Lebenssituation geraten waren. Beratungsangebote zu arbeits- und sozialrechtlichen Fragen und die Gelegenheit zu Begegnung und Austausch untereinander halfen, Mutlosigkeit und Passivität zu überwinden.

In diesem Jahr feiert die KEL ihr 30-jähriges Bestehen. Aus der Initiative, die anfangs nur für eine Übergangszeit gedacht wurde, ist eine etablierte soziale Beratungsstelle im Leipziger Zentrum geworden. Strukturen und Schwerpunkte der Arbeit haben sich in der Zeit verändert. Fast unverändert sind dagegen die Sorgen und Nöte der Ratsuchenden – geprägt von Hoffnungslosigkeit, Verunsicherung und Überforderung. Die KEL ist offen für alle, niemand wird ausgeschlossen. Sie mischt sich ein und bringt die Themen der Betroffenen in die Öffentlichkeit. Ganz im Sinne Bonhoeffers ist Kirche in dieser Arbeit für andere da, weil Gott für uns da ist.

Herzliche Einladung zum Friedensgebet der KEL am Montag, dem 05.07.2021, um 17 Uhr in der Nikolaikirche.

Marco Ringeis, Geschäftsführer der Kirchlichen Erwerbsloseninitiative Leipzig (KEL)

 

 

Foto: Kirchenbezirk Leipzig

Frei-Zeit

Bei einer Wanderung kam ich an einem kleinen Kloster vorbei. Dort lud eine Bank zum Verweilen ein. Darüber war ein verrostetes Uhrwerk mit einer Inschrift angebracht: „Hier bleibt die Zeit stehen.“ Es tat mir gut, in die stille Atmosphäre dieses Ortes einzutauchen: Kein Blick auf die Uhr, der mich zu Aufbruch oder Eile mahnt. Niemand will hier etwas von mir – nicht einmal ich selbst. Einfach nur sein, hier und jetzt.

In der Überfülle der äußeren Ansprüche und inneren to-do-Listen sehnen sich viele Menschen nach einer solchen Unterbrechung. Denn nur wenn wir Menschen innehalten, finden wir Halt in uns selbst. Nur wenn wir uns selber spüren, kommen wir dem auf die Spur, was uns wichtig ist. Heute führt freilich bei vielen der Weg direkt aus dem Bett zum Smartphone, um noch schnell die Mails zu checken.

Doch der Mensch braucht auch Zeiten, um „einfach so“ dazusein. Ohne vom einen zum anderen zu jagen. Es lohnt sich, die vielen kleinen Übergänge und Pausen zu entdecken, die der Alltag bereit hält. Solche Zwischenzeiten bergen in sich die Chance, aus dem „Betriebsmodus“ auszusteigen – etwa dadurch, dass ich achtsam wahrnehme, was jetzt ist. Wenn ich mir selbst Aufmerksamkeit schenke, verwandelt sich die verschwendete, vergeudete Zeit in eine geschenkte Zeit, in der ich zu mir kommen kann. Wenn es mir gelingt, solche Momente des Aufatmens zu entdecken, dann kann die Zeit still stehen.

Andreas Knapp, katholischer Priester und freier Schriftsteller

 

Foto: Lotz

Ab jetzt!

In hohem Bogen schnellt die Maske durch die Luft, quert den hellblauen Frühsommerhimmel, torkelt im Zickzack ins Geäst des Baumes… So war es nicht gedacht, auch wegen der Umwelt… Aber egal: Das befreiende Gefühl brauchte ein Zeichen: Keine Masken mehr! Jedenfalls nicht mehr unbedingt und überall! Wir haben es geschafft, mit Einsicht, Geduld und Rücksicht die Gefahr der Ansteckung zurückzudrängen.

So viel ist sicher: Die Masken wollen wir gern hinter uns lassen. Aber was ist mit dem, das vor uns liegt? Darum ist jetzt Zeit zu fragen: Wollen wir einfach nur so schnell wie möglich in den Zustand vor der Pandemie? Schnell wieder rein in den Rhythmus von Terminen und Pflichten? Alte Gewohnheiten aufnehmen als wäre nichts passiert? Als hätten Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen nichts mit uns gemacht? Als wären Bedrohung der eigenen Unversehrtheit, Krankheit und Sterben um uns nicht geschehen? Als hätten Homeoffice und Homeschooling uns nicht herausgefordert?

Unser Selbstverständnis, die Haltung zu Arbeit, zur Umwelt, zum Miteinander: Wir hatten viel Zeit zum Nachdenken. Die Anfragen an die Art, wie wir leben wollen, an unseren Lebensstil stehen im Raum; die lassen sich nicht so einfach wegschnipsen. Für Änderungen ist Spielraum, das haben uns die letzten Monate gelehrt. Was davon fühlte sich befreiend an, tat uns und unseren Beziehungen gut? Nun ist die Gelegenheit, diese Räume zu nutzen. Ab jetzt!

Jutta Michael, Pfarrerin für Bildungsarbeit auf dem Campus forum thomanum

 

Foto: Lotz

Erlösung

Kommt sie jetzt, die lang ersehnte Erlösung? Das Aufatmen: frei und unbeschwert aufeinander zugehen, sich umarmen, gemeinsam genießen. Im Konzert wieder live Musik erleben. Das Bachfest an diesem Wochenende lebt diese Sehnsucht, bringt mit seinem Motto „Erlösung“ einen innigen Wunsch zum Klingen.

Bedeutet das, Bach bringt jetzt die Lösung? Finden wir in seiner Musik den Schlüssel zur Erlösung? Weltweit finden Menschen im Werk des Thomaskantors etwas, das sie tief in ihrem Herz berührt, sie aufrichtet und ermutigt, getrost nach vorn zu schauen. Bach selbst wollte mit seiner Musik vermitteln, was uns Menschen im Vertrauen auf Gott frei macht. Deshalb vertonte er die Worte der Bibel und lässt uns damit bis heute sein tiefes Grundvertrauen in den Mensch gewordenen, lebendigen Gottessohn Jesus Christus hören. Und eben das braucht es im Blick auf die Erlösung: Einen, der sich nicht selbst für den Erlöser hält, sondern von sich absehen und auf Gott verweisen kann.

Wissen Sie, wie Johann Sebastian Bach seine Kompositionen unterzeichnete? Mit drei Buchstaben. Nicht JSB! Sondern SDG:  Soli Deo Gloria – Allein Gott die Ehre geben. Das war seine Grundüberzeugung: Gott ehren und den Menschen mit den eignen Begabungen zum Guten dienen. Nehmen wir doch diese Haltung mit – nicht nur in das Wochenende! Es liegt ja noch einiges vor uns, das erlöst werden will.

Sebastian Feydt
Superintendent des Ev.-Luth. Kirchenbezirks Leipzig

Foto: Lotz