Ligeværdighed

„Gerngeschehen!“ raunzt der Hundebesitzer die Frau an, die mit dem Wagen voller wuselnder Kinder den Gehweg beansprucht und der er vorausschauend mit seinem Tier ausgewichen ist. „Äh… Dankeschön“ kommt die zögerliche Antwort der Frau. Mir drängt sich spontan der Gedanke auf: „Muss man denn so zu jemandem sein?“ In letzter Zeit stoße ich mich zunehmend an einem rauen Umgangston in meinem alltäglichen Umfeld.

Bei dem dänischen Pädagogen Jesper Juul ist mir das Prinzip „Gleichwürdigkeit“ begegnet (dän.: „ligeværdighed“). In der gelingenden Beziehung zwischen zwei Menschen finde eine Begegnung auf Augenhöhe statt. Die Wünsche und Bedürfnisse beider Seiten würden gleich ernst genommen und nicht herabgesetzt oder ignoriert – ungeachtet von Alter, Geschlecht, Status oder Beeinträchtigung. Angewendet würde man dem fundamentalen menschlichen Bedürfnis begegnen, in seiner Individualität wahr und ernst genommen zu werden.

Auch wenn Juuls Arbeit sich in erster Linie an das Miteinander von Eltern und Kindern richtet, wünsche ich mir mehr Gleichwürdigkeit im alltäglichen Miteinander. Mir fehlt ein vorurteilsarmer, wertschätzender und emphatischer Umgang. Wie bereichernd wäre es, wenn wir eine Gelassenheit im Zusammenleben entwickeln könnten, so dass sich keiner übersehen fühlen braucht und man im Zweifelsfall sogar auf ein „Danke“ verzichten kann.

von Monika Lesch, Katholische Gemeindereferentin

 

Foto: Schwerdtle

Herz und Verstand vereinen

Wir hatten uns zusammengesetzt und sprachen über ein Projekt, das zu scheitern drohte. Fünf engagierte Vereinsmitglieder, die sich an einem Samstagabend Zeit nahmen. Ideen gab es einige. Nun ging es darum, wie sie finanziert werden könnten. Eine erste Absage von Fördermitteln lag mittlerweile auf dem Tisch. Daneben aber auch gleich zwei neue Vorschläge für Aktionen. Etwas ratlos verloren wir uns in einem Gespräch darüber, warum wichtig sei, was wir hier tun. Eigentlich aber wussten wir nur nicht, wie wir weitermachen sollten.

„Wir müssen realistisch hoffen.“ Als dieser Satz fiel, veränderte sich etwas. Erst einmal gab es einen Lacher. Na klar, realistisch hoffen, haha. Das schließt sich doch wohl aus. Entweder ich stehe mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen und kalkuliere scharf Chancen und Risiken. Oder ich lasse nicht von der Überzeugung, dass es am Ende gut wird. Aber je länger wir nachdachten, desto klüger erschien uns diese Kombination. Nicht nur, wenn es um heikle Entscheidungen geht, sondern als grundsätzliche Haltung. Einerseits wollten wir uns den harten Tatsachen stellen. Andererseits durften wir unsere Träume nicht aus den Augen verlieren. An diesem Abend fanden wir keine Lösung für unser Projekt. Doch für den kommenden Samstag haben wir uns wieder verabredet und waren dabei sehr fröhlich.

von Lüder Laskowski, Pfarrstelle für „Kirchliche Arbeit in neuen Stadtquartieren“

 

Foto: Birgit Arndt (fundus-media)

Eure Fußstapfen

Annika sagt: „Wir können nicht in Eure Fußstapfen treten!“

Sie sagt es ihren Eltern und all den anderen Erwachsenen. Auch mir. Sie sagt es stellvertretend für ihre Generation. Sie sagt es in voller Überzeugung.

Annika ist 14 Jahre alt und wird diesen Sonntag konfirmiert – wie viele Jugendliche in Leipzig, in Sachsen, in Deutschland in diesen Wochen.

„Wir können nicht in Eure Fußstapfen treten!“ Diesen Satz hören die Eltern und all die anderen Erwachsenen im Gottesdienst, in dem sich die Konfirmandinnen vorstellen. Es ist kein pubertärer Satz – vielleicht ein bisschen – aber mehr noch sind die Worte ein Spiegel für uns.

Wir trauen den Jugendlichen zu, dass sie zunehmend eigene Wege gehen und Entscheidungen treffen. Wir müssen uns kritisch fragen lassen: In welche Welt entlasst Ihr uns da?! Klimakrise, Krieg und Hunger.

Ich finde ja klasse, wie ernsthaft und kritisch Annika und all die anderen uns das vorhalten. Darin könnte ich mich jetzt bequem zurücklehnen und all den Müll der jungen Generation überlassen.

Wahr ist aber auch: Wir Erwachsenen haben unsere Hausaufgaben nicht gemacht. Wir sind unserer Verantwortung für die nachfolgenden Generationen nicht gerecht geworden. Und werden es nach wie vor nicht. Die Herausforderungen werden aber Annika und ihre Generation nicht alleine bewältigen können. Auch das sagt sie: „Wir brauchen Euch dazu!“

Zukunft geht nur gemeinsam zu gestalten. Und wie es im Konfirmationsgottesdienst heißt: Mit Gottes Hilfe.

Anna-Maria Busch, ev. Pfarrerin im Leipziger Südosten

 

Foto: Sabine Wehr (fundus-media)

Hätte, hätte? Fahrradkette!

In den Tagen um Ostern kommen immer viele Jesusfilme im Fernsehen. In einem dieser Filme ist Jesus unterwegs mit seinen Jüngern und Jüngerinnen. Sie kommen auf dem Weg an vielen Holzkreuzen vorbei, bestimmt für Kreuzigungen. Und Jesus geht zu einem Kreuz hin, lehnt sich daran, streicht vorsichtig darüber. Jesus von Nazareth, von Beruf Zimmermann, sagt: „Gutes Holz. Kein Astloch darin. Was man aus diesem Holz hätte machen können? Einen schönen Tisch oder eine Tür, die in einen neuen Raum führt …“.

Diese Szene berührt mich. Weil unsere Welt gerade wieder so voller Kreuze ist. Weil wir es immer wieder hinbekommen, das, was uns gegeben ist, statt in Segen in Fluch zu verwandeln.

Ich kenne einige Zimmerleute. Und ich staune immer noch über den wunderbaren Holzkinderspielplatz, den zwei von ihnen gebaut haben. Oder ein Beispiel von vor ein paar Tagen. Gerade waren in einer Schule in Sellerhausen 100 Flüchtlinge angekommen. Und nun ein Treffen – wie können wir helfen? Es waren überwältigend viele da. „Ich könnte unterrichten, sagte eine. „Ich kann Fahrräder, die Leute hier abgeben, auffrischen“, sagte ein anderer.

Erzählen wir uns in diesen Zeiten, die voll sind mit schlimmen Nachrichten, immer unbedingt auch die anderen, die guten Geschichten. Denn damit hüten wir die Hoffnung, dass wir doch alle eigentlich Türen in neue Räume bauen können.

von Grit Markert, Pfarrerin im evangelisch-lutherischen Alesius-Kirchspiel im Leipziger Osten und Coach

 

Foto: Christian Schönfeld (Fundus)

Osterbotschaft – nur echt mit Wunden

Bist das wirklich du – und keine Fälschung? Das glaubt der Computer erst, wenn er einen Beweis bekommt: ein Passwort, einen Code oder auch Ihren Fingerabdruck.

„Das glaube ich nicht, solange ich keinen handgreiflichen Beweis habe!“ sagte vor zweitausend Jahren der Apostel Thomas, als seine Freunde ihm erzählten, am dritten Tag nach seinem Tod am Kreuz wäre ihnen Jesus lebendig erschienen. Manche nennen Thomas deshalb „ungläubig“ – aber hätten es die anderen wohl allein vom Hörensagen glauben können?

Eine Woche später erscheint der auferstandene Jesus wieder in der Runde; diesmal ist Thomas dabei. Und Jesus bietet ihm den geforderten Identitätsnachweis an: Thomas soll die Wunden anfassen, die Löcher von den Nägeln, die die Kreuzigung hinterlassen hat.

Damit ist er überzeugt! „Mein Herr und mein Gott!“, nennt er ihn.

Also: er erkennt Jesus daran, dass er die Spuren seines Leidens berühren und begreifen kann!

Das bedeutet mehr als irgendein heutiges extra-sicheres Merkmal zur Identifizierung. Thomas begreift wortwörtlich: Jesus lebt, nachdem er tatsächlich am Kreuz gepeinigt worden und gestorben ist! Er ist genau dadurch echt, dass er Leid erlebt hat bis zum Tod – und danach zu neuem Leben auferstanden ist.

Das hat Thomas gesehen und gefühlt – und glauben können Christen es bis heute!

von Friederike Ursprung, evangelische Kirchenredakteurin bei Radio PSR

 

Foto: Schwerdtle

 

Karfreitag ohne Ende? Nein!

“In diesem Jahr Karfreitag zu begehen, fällt mir sehr leicht. Aber ich hab keine Ahnung, ob für mich dieses Jahr Ostern wird.” Ganz schön traurig, was ein Freund da zu mir gesagt hat. Aber nachvollziehbar. Krieg in der Ukraine, die Auswirkungen der Pandemie, Klima-Bedrohungen, Inflation, das Gefühl, dass gerade alles den Bach runtergeht: wir erleben eine Zeit der Sorgen und Ängste, für manche auch eine Zeit voll Trauer und Wut.

Gefühle, die für Christen auch zum Karfreitag gehören, zum Erinnern an das Leiden von Jesus. Dem einstigen Hoffnungsträger wurde ein unfairer Prozess gemacht. Das Kreuz, an dem er noch am selben Tag sterben sollte, musste er selbst durch die ganze Stadt Jerusalem schleppen – begleitet vom Spott der Menschen am Wegesrand. Hoffnungslose Zeiten, damals wie heute? Als Christ glaube ich, dass der Karfreitag nicht das Ende der Geschichte ist, sondern dass ich mit der Auferstehung, mit Ostern den Sieg des Lebens über den Tod feiern darf.

Hmmm …. Also wird hier und heute auch irgendwann alles irgendwie schon wieder gut? Nun, das einfach zu schlussfolgern, wäre wohl töricht, zu kurz gedacht. Mut macht mir diese Hoffnung aber trotzdem: Angst, Tod und Verzweiflung müssen nicht das letzte Wort haben. Ostern zu feiern ist heute vielleicht wichtiger denn je – um Kraft und Zuversicht zu “tanken” für die Herausforderungen unserer Zeit.

Daniel Heinze, kath. Kirchenredakteur Radio PSR

 

Foto: epd_Bild

Was bleibt?

Die Bilder aus Butscha vom vergangenen Sonntag zeigen die wahren Schrecken eines sinnlosen Krieges: Es geht nicht mehr um das Opfer von Soldat*Innen – schlimm genug – sondern den Tod von Zivilist*Innen, von Männern, Frauen und Kindern, die in ihrem Alltag willkürlich und brutal aus dem Leben gerissen werden! Sinnlose Gewalt, unnötige Zerstörung – sie lösen in mir Trauer, Wut, Unverständnis und Zorn aus. Sie lähmen mich und machen mich hilflos. Dabei bin ich nur eine Beobachterin, hunderte Kilometer entfernt. Unvorstellbar, wie es den Schwestern, Brüder, Eltern und Kindern der Opfer gehen mag.

Angesichts dieser Szenarien stellt sich die Frage, wie Menschen einander so etwas antun können.

Und gläubige Menschen müssen sich die Frage stellen lassen, wie ein liebender Gott so etwas zulassen kann. Ich befürchte, die Grausamkeit der Menschen untereinander hat viel mit der Frage zu tun, ob ich mein Gegenüber auf Augenhöhe als gleichwertiges Mitglied der Menschheitsfamilie sehen kann. Das ist eine Frage für jeden von uns, jeden Tag neu. Und ich glaube daran, dass wir Menschen frei sind uns zu entscheiden, wie wir uns verhalten wollen. Der christlichen Überzeugung nach hat Gott sich in diesem Geschehen schon klar positioniert, er ist auf der Seite der Ohnmächtigen und der Leidenden. Die Frage an uns Menschen bleibt, wie wir uns dazu verhalten werden.

von Monika Lesch, Katholische Gemeindereferentin

 

Foto: epd_Bild

Im Wechselbad

Wir hatten uns zufällig auf der Straße getroffen und unterhielten uns entspannt. Breit lachend erzählte mein Bekannter von Reparaturarbeiten im Keller, als er in den letzten Tagen nach Hause kam. Laute Schläge krachten von unten gegen die Decke. „Was machen die denn da?“, so fragte er in die Wohnung. Daraufhin steckte seine achtjährige Tochter den Kopf durch die Küchentür und rief: „Die hämmern das neu.“

Eigentlich ein sicherer Lacher. Wirklich originell. Kräftige Hammerschläge mit dem Gedanken der Erneuerung verbunden. Aber der Satz war dort auf der Straße kaum ausgesprochen, da sahen wir einander in die Augen mit flackerndem Blick. Wie missverständlich. In der Ukraine herrscht Zerstörung und ein Neues ist nicht abzusehen. Wir schwiegen betreten, in einer Mischung aus Furcht und Scham.

Heute am Tag des Aprilscherzes fällt besonders auf, wie groß der Kontrast unterschiedlicher Gefühle zur Zeit ist. Das Leichte ist weg und die Frage nach dem rechten Maß stelle ich mir mehrmals am Tag. Die Bibel rät zu Unmittelbarkeit. Im Brief an die Gemeinde in Rom schreibt der Apostel Paulus: „Lacht mit den Lachenden und weint mit den Weinenden.“ Das ist auch ein Gottesdienst.

von Lüder Laskowski, Pfarrstelle für „Kirchliche Arbeit in neuen Stadtquartieren“ in Leipzig

 

Foto: Pixabay