Urlaub und Ferien: den Kopf anders füttern

Für manche ist die Urlaubszeit die Zeit im Jahr, in der sie “mal so richtig abschalten” wollen. Mal gar nichts machen, nix anschauen oder lesen, den Kopf einfach auf Durchzug schalten. Diese Idee von Urlaub ist mir persönlich ja ein wenig suspekt. Ähnlich wie Leute, die nach einer erfolgreichen Abschlussprüfung jubeln: hurra, nie wieder lernen müssen! Ist es nicht toll, den eigenen Kopf auch nach Ausbildung, Schulzeit, Uni immer wieder neu mit frischem “Stoff” zu füttern? Aber gut, da ist jeder anders.

Natürlich, Urlaub ist dafür da, auszuspannen, aus der Hektik des Alltags auszubrechen. Es ist auch vollkommen richtig, einfach mal nichts zu tun. Gleichzeitig ist diese Zeit jetzt im Sommer für mich aber immer auch die ideale Gelegenheit, um meinen Horizont zu erweitern: zu erkennen, wie groß, spannend und bunt die Welt, Gottes wunderbare Schöpfung, doch ist – und sie ein wenig besser kennenzulernen.

Das geht zum Beispiel durch Reisen – in diesem Jahr coronabedingt natürlich wesentlich eingeschränkter als sonst. Doch das geht eben auch durch Bücher, Filme, Podcasts. Ich kann eintauchen in mir bisher unbekannte Geschichten, Biografien, Zeiten. Ich habe Zeit für Neues und gönne mir neuen, anderen Input, der mir im Alltag sonst vielleicht nicht begegnet. Das ist für mich ein großer Segen in der Urlaubszeit.

Aber zum Glück gibt’s weder für das Ausspannen noch für das Dazulernen im Urlaub irgendeine Pflicht. Wie so oft gilt wohl: “Die Mischung macht’s!” Allen, die gerade ihren Urlaub genießen, wünsche ich die genau für sie passende Mischung, damit es eine gute, gesegnete, erfüllte Zeit wird. Frohe Ferien!

Daniel Heinze, katholischer Kirchenredakteur, Rado PSR

 

 

Das Schweigen der Lämmer?

Haben wir nichts mehr zu sagen? Oder wenn wir etwas sagen, dann klingt es oft peinlich, der Situation nicht angemessen, wenig konkret, fern der Realität. Sind wir überflüssig geworden, wir, die Menschen der Kirche?

In einer Zeit der Ratlosigkeit und der Suche nach der richtigen und guten Handlung fällt die Kirche derzeit vor allem mit einem auf: Sie schweigt. Nicht die einzelnen Mitarbeiter, auch nicht einzelne Bischöfe. Da ist schon so mancher vernehmbar in dieser Zeit.

Aber insgesamt? Insgesamt ist es doch ein großes Schweigen. Was ist uns geschehen in den Jahren nach der Wende, in der die Kirche ein wichtiger Ort der Gespräche und des Neuanfangs war? Ist uns die Stimme abhandengekommen? Aber ist Schweigen nicht viel zu unterschiedlich deutbar? Kann man sich das in so einer Zeit leisten: still sein, kleine Angebote wagen und ansonsten nichts zu tun?

Aber ist Schweigen nicht auch Antwort? Stille-Sein und zugeben: Jetzt gibt es keine einfachen Antworten. Jetzt respektiere ich die Ratlosigkeit. Jetzt gebe ich zu, dass ich da sein werde, ohne zu sagen, was richtig oder falsch ist. Ich verlasse den Weg auf dem man in gut und schlecht einteilt.  Ich bin mir dessen bewusst: Jetzt und hier sind wir gefordert andere, neue, ungewohnte Wege zu gehen. Vielleicht hilft uns allen der Mut dazu, keine Lösung zu haben, sondern in kleinen Schritten einen neuen Weg zu ertasten, mehr als das eine große Wort? Denn im Schweigen, in dem ich mit anderen unterwegs bin, ertönt etwas lauter als alles andere: Ich bin hier, auch mit dem, was ich nicht weiß. Ich bleibe dir nah, wer du auch seist, denn ich bin wie du.

Bettine Reichelt, Theologin, Lektorin und Autorin

Foto: Lotz

Der Mensch denkt …

Im Januar gebucht, damit nichts schief geht. Jetzt steht in den Sternen, ob aus dem Tunesien-Urlaub unserer Freunde etwas wird. Bekannte hatten im Juni heiraten wollen, dieses Vorhaben hat das Virus vereitelt. Nicht wenige Jugendliche, die in diesem Schuljahr ihr Abitur gemacht haben, träumen von Work and Travel. Ob etwas daraus wird?

So viele Pläne sind in den vergangenen Monaten die Pleiße heruntergegangen, weitere werden folgen. Ich bin vorsichtig geworden beim Planen, mag nicht gern enttäuscht werden. Wir haben ungewohnt viel Kontrolle über unser Leben verloren.

Nicht verwunderlich, dass viele von uns sich hilflos fühlen. Manche betrauern eher die Verluste, andere werden ärgerlich und wütend. Sie hätten gern Schuldige. Irgendjemand muss doch schuld sein, unmöglich, dass es niemanden gibt.

„Der Mensch denkt, Gott lenkt“, so sagte es in frömmeren Zeiten der Volksmund. Das konnte wohl mitunter resigniert klingen. Aber unsere Vorfahren wollten damit auch sagen, dass Gottvertrauen in unsicheren Zeiten nicht das Schlechteste ist. Wenn erstens alles anders kommt zweitens als man denkt, wie Wilhelm Busch meinte, dann kann dennoch etwas Gutes daraus werden.

Es hat mich schon oft durchrieselt, wenn ich alten Menschen gegenübersaß, und wenn sie im Rückblick auf die Achterbahnfahrt ihres Lebens sagten: „Es war gut, dass ich die Hände falten konnte. Der Mensch denkt, Gott lenkt.“ Auf ihren Gesichtern lag Dankbarkeit.

Johannes Markert, Pfarrer zur Erteilung von Religionsunterricht im Kirchenbezirk Leipzig

Foto: unsplash

Berge und Meer

„Gott, steh uns bei!“ „Um Himmels willen!“ „Da haben wir wirklich einen Schutzengel gehabt!“

Was früher so nebenbei, ohne Nachdenken gesagt oder geseufzt war, bekam plötzlich eine neue Bedeutung und Tiefe. Schutzmächte, die außerhalb von uns sind. Gnade, die man geschenkt bekommt, statt sie zu erwirken.

Zuerst das Erschrecken über die TV-Bilder. Dann Verunsicherung: Habe ich mir genügend die Hände gewaschen, darf ich jetzt die Klinke überhaupt anfassen, ist das nun genug Abstand zu dem, mit dem ich rede?

Ich erinnere die große Sorge des Pflegepersonals um seine Patienten in Zeiten der Pandemie.

Berufe, plötzlich im Mittelpunkt, die früher kaum des Erwähnens wert. Freundlichkeiten und Rücksichtnahmen unter Fremden. Reden mit einem, an dem ich sonst vorbeigegangen wäre. Die nie erlebte Ruhe, in unserer Stadt und in den Menschen drin.

Und alte Worte und Weisen, sie gewannen neue Kraft: Bella ciao von den Balkonen, Der Mond ist aufgegangen von den Posaunen, das So-Gott-will, ein Stoß- oder Fürbitt-Gebet und die alten Psalmen.

– Alles war gesagt, dann hatte ich den Patienten gefragt, ob ich noch Verse sprechen dürfe, für uns beide:

„Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, wenngleich das Meer wütete und wallte…“ (Psalm 46)

Er hatte zugehört, mit geschlossenen Augen, auch noch beim Segen, die Hände wie zufällig beisammen. Und das Amen hatte er mitgesprochen.

Uns allen Schutz, Begleitung, Erholung und gute Gesundheit!

Pfarrer Sebastian Rebner, Krankenhausseelsorger im St. Georg Krankenhaus

Auf der Suche bleiben

Egal welcher Hautfarbe, Herkunft, Sprache – weltweit verbindet uns ein Thema: die Corona-Pandemie. Nur – es trifft Menschen verschieden. Bei den einen gibt es kaum Symptome, andere müssen um ihr Leben ringen. Und leider ist es für den Ausgang auch nicht egal, in welchem Land die Menschen mit dem Virus ringen. Im GAW haben wir in den letzten Wochen aus den unterschiedlichen Regionen der Welt berichtet, wie unsere Partnerkirchen mit der Pandemie umgehen. Und es stellt sich überall die Frage, welche Relevanz Kirche in der Pandemie hat. Wozu braucht es sie? Ob Kirche Schaden genommen hat, weil Karfreitag, Ostern und Konfirmationen nicht gefeiert werden konnten? Finanziell sicher. Es fehlen weltweit die Kollekten im sonntäglichen Gottesdienst, die für kirchliche Projekte, Diakonie, Miete oder Gehälter wichtig sind. Hat die Kirche aber auch an Bedeutung verloren, weil doch die Wissenschaft uns alle Antworten gibt? Aber sind es wirklich alle? Die Pandemie hat uns weltweit eine existenzielle Erkenntnis neu vor Augen geführt: Ein glatt laufendes, perfektes Leben ohne Gefährdungen, Risse und Brüche gibt es nicht. Mit einer erschreckenden Klarheit erlebten wir: Wir haben unser Leben nicht in der Hand. Deshalb tut es not, suchend zu bleiben. Nur so wachsen uns die Quellen zu, aus denen wir leben dürfen: Gottes Gnade und sein Trost. Das ist nicht system-, aber lebensrelevant. Suchen wir nach diesem gnädigen Gott und lassen unseren Blick dabei zu all den verwundeten Herzen heutzutage lenken. Denn: „Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig!“ (4. Mose 6,25)

Pfarrer Enno Haaks, Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werkes

Foto: unsplash

Verborgenes sichtbar werden lassen

Eines der höchsten Güter in unserem gesellschaftlichen Miteinander ist die Aufmerksamkeit anderer. Wir setzen sie gleich mit Lob, Bewunderung und Selbstbestätigung, den Energiespendern unserer Seele. Warum legen wir so viel Wert auf Äußeres? Warum kaufen sich erfolgreiche Männer teures Rasierwasser? Warum schminken sich Frauen?

Man möchte auffallen. Unser Outfit hat großen Anteil daran, wie wir von anderen wahrgenommen werden. Allerdings kann der erste Eindruck täuschen. Wer nicht weiß, dass Mark Zuckerbergs unscheinbare graue T-Shirts teure Maßanfertigungen sind, läuft Gefahr, am modischen Sachverstand des Facebook-Chefs zu zweifeln.

Ich finde, eitel zu sein, hat zunächst mal was Angenehmes. Wer Wert auf sein Äußeres legt, wirkt auf seine Mitmenschen angenehmer. Der christliche Glaube verurteilt das nicht. Gott kennt uns, auch wenn wir uns im Spiegel – bekleidet oder nackt – oft fremd bleiben. Er liebt uns sogar mit Tränensäcken.

Der Wert eines Menschen hängt nicht nur von seiner äußerlichen Erscheinung ab. Da gibt es eine Innenseite, die viel Verborgenes in sich trägt. Was einen Menschen spannend für andere macht, sind die charakterlichen Qualitäten – Eigenschaften, die jeden von uns einzigartig erscheinen lassen. „Der Mensch sieht was vor Augen ist, aber der Herr sieht das Herz an.“

Vielleicht sollten wir uns gerade in der gegenwärtig schwierigen Zeit mehr auf dieses Wesentliche im Inneren eines Menschen besinnen. Die Außenseite, die wir zeigen und idealisieren, hat keinen dauerhaften Bestand. Auch „Germany‘s Next Topmodel“ wird einmal Falten bekommen…

Wolfgang Erler, Prädikant der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens

Bild von S. Hermann & F. Richter auf Pixabay

Monopoly

Heute vor 85 Jahren wurde das bekannte Brettspiel MONOPOLY auf den Markt gebracht. Der arbeitslose Heizungsmonteur Charles Darrow hat es erfunden, mitten in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Er wurde zum Millionär.
„MONOPOLY…und die Herrn der Schlossallee, verlangen viel zu viel…“. Dieser Schlager klang mir in den Ohren als ich von diesem Jubiläum heute las. Und: „Was würde Jesus dazu sagen?“, schießt es mir dann noch durch den Kopf. „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon“ (Lk 16,9)? Oder „Seid klug wie die Schlangen“ (Mt 10,16)?

Ich weiß es nicht. Jedenfalls glaube ich nicht, dass dieses Spiel „vom Teufel“ ist, wie ich das mal in einer Zeitschrift gelesen habe. Eher wird ein teuflisches Spiel vor Augen geführt, das Spiel um Geld. Und dabei kann man ein teuflisches Vergnügen entwickeln – zumindest einige oder ein Spieler.
Man kommt nun bei diesem Spiel mit Spielfiguren auf verschiedene Felder. Da hat man mal Glück und dann mal Pech. Und wenn ein Spieler viel Glück hat, häuft er sehr viel Geld an und kann dann sogar sein Glück „machen“. Das Problem dabei ist nur, dass der Glücks-Macher anderen viel Unglück bringt. Und zum Schluss gibt es den großen Gewinner und es gibt den großen Verlierer.

Also: Das hat dann Jesus mit Sicherheit nicht gewollt. Denn beim Blick auf die großen Verlierer um ihn herum sagte er damals:

„Selig, die arm sind vor Gott.
Selig, die rein sind im Herzen.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit.
Selig seid ihr, wenn man euch schmäht.“ (vgl. Mt 5, 3-11)

Aber mit diesen Eigenschaften gewinnt man bei MONOPOLY nicht. Das Spiel zeigt, wie die Kreisläufe in dieser Welt vielfach gehen. Und danach könnte man vielleicht darüber nachdenken, wie dieser Jesus aus Nazareth die Kreisläufe der Welt durchbrochen hat.

Pfarrer Thomas Bohne, Katholische Pfarrei St. Philipp Neri Leipzig-West

Bild von Bruno Germany auf Pixabay

Die beiden Wölfe

Eigentlich bin ich schon ein netter Mensch, meistens. Ich versuche es zumindest. Doch manchmal erschrecke ich über mich selbst. Da vertritt ein guter Bekannter eine für mich abwegige Meinung und was tue ich? Ich schieße ohne Verzögerung zurück, treffsicher genau dorthin, wo es ihm wehtut. Wir schaukeln uns hoch und bewerfen uns mit nicht gerade freundlichen Worten. Ich spüre, wie ich mich ärgere, zunehmend über mich selbst. Ich staune, dass ich auch so un-nett sein kann.

Vielleicht kennen Sie das ja auch und ich bin nicht der Einzige, dem es so ergeht. Eigentlich … . Was ist das bloß? Wieso bin ich doch manchmal so anders, als ich sein möchte? Da fällt mir eine Geschichte ein. Ein Indianerhäuptling erzählt seinem Sohn, dass in jedem Menschen zwei Wölfe kämpfen. Der eine ist böse. Der kämpft voller Ärger, Neid, Eifersucht, Egoismus und Rücksichtslosigkeit. Der andere Wolf ist gut. Er kämpft voller Liebe, sucht Frieden, zeigt Mitgefühl, ist ehrlich und dankbar. Der Sohn fragt: Und welcher der beiden Wölfe gewinnt den Kampf? Der Häuptling antwortet: Der, den du fütterst.

Das macht mir Mut. Ich bin also nicht hilflos meinen Launen ausgeliefert. Die Frage ist viel mehr, wen ich füttere. Es ist darum gut zu wissen, was die beiden Wölfe so fressen, was sie stark macht. Wir erleben gerade Beides. Die Belastungen der Pandemie können beide Wölfe an den Tag befördern. Wir können es aber beeinflussen. Der, den du fütterst, der wird die Oberhand gewinnen.

Friedbert Fröhlich, Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirche in Leipzig

Bild von christels auf Pixabay